Die Szene auf dem Hamburger SPD-Parteitag im Oktober 2007 haben viele Genossen noch in guter Erinnerung: Als Franz Müntefering ausrief "Es ist noch was da, ich bin noch nicht ausgetrocknet", kannte die Begeisterung keine Grenzen. Parteichef Kurt Beck, der dem damaligen Bundesarbeitsminister für seinen packenden Auftritt eher pflichtgemäß die Hand schüttelte, wirkte in diesem Moment wie Staffage. Schon damals war klar, was die Basis so schmerzlich vermisste: einen Vorsitzenden mit starkem Profil, der die Seele der Partei berührt und obendrein noch mitreißend reden kann.
Zwischen dem Stimmungshoch von Hamburg und dem SPD-Zustand vom August 2008 liegen gerade einmal zehn Monate, in denen es für die Sozialdemokraten nur noch steil bergab ging. Eine unentschlossene Führung, eine selbstherrliche hessische Landesvorsitzende und die zeitweilig völlig aus dem Ruder gelaufene Debatte über den Rausschmiss von Ex-Parteivize Wolfgang Clement sind der Stoff für die aktuelle Krise der Genossen.

Müntefering vor politischem Comback
Franz Müntefering wollte und konnte diesem Siechtum lange Zeit nur ohnmächtig zuschauen. Bereits wenige Wochen nach dem Hamburger Parteitag gab der heute 68-jährige Sauerländer den Ministerposten auf, um sich in Bonn um seine krebskranke Frau zu kümmern. Allerdings stellte er schon damals klar: Dies sei "kein Ausstieg" aus der Politik. Müntefering behielt sein Bundestagsmandat, wurde aber nur noch selten im Berliner Politikbetrieb gesichtet.
Damit soll jetzt Schluss sein. Schon als Münteferings Frau Ende Juli starb, gab es wilde Spekulationen über ein Comeback des früheren Vorsitzenden. Erst vor wenigen Tagen sinnierte SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel öffentlich darüber, wie sehr er Müntefering vermisse. Nun will eine Zeitung erfahren haben, dass Müntefering ab September wieder voll ins parlamentarische Geschehen einsteigen will. Am Wochenende meldeten sich zahlreiche Sozialdemokraten zu Wort, die in Müntefering geradezu einen Heilsbringer sehen. Der Mann sei "einfach unverzichtbar", um "das Stimmungstief der SPD zu überwinden", erklärten die Abgeordneten Johannes Kahrs und Sebastian Edathy. Und Fraktionsvize Fritz Rudolf Körper sieht in Müntefering einen wichtigen "Eckpfeiler für unsere inhaltliche politische Ausrichtung". Deshalb sei er "froh, wenn er wieder an Deck kommt und aktiv in die Politik eingreift", betonte Körper.

Personalfragen auf der Tagesordnung
Manche in der SPD müssen diese Euphorie allerdings als Drohung empfinden. Zumal nun auch wieder die leidigen Personalfragen auf der Tagesordnung stehen. Für die ungeklärte Kanzlerkandidatur käme Müntefering wohl nicht in Betracht. Doch was, wenn der Ruf laut würde, er solle den glücklosen Vorsitzenden Beck beerben? Auch hatte Müntefering zuletzt vor allem dem linken Parteiflügel das Leben schwer gemacht. Einer ihrer prominenten Vertreter, Schleswig-Holsteins SPD-Landeschef Ralf Stegner, warnte dann auch vorsorglich davor, Müntefering "aus taktischen Erwägungen gegen andere Mitglieder der Parteiführung in Position zu bringen". Da scheint es zu passen, wenn der "Spiegel" meldet, dass Münterfering als neuer Chef der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung weggelobt werden soll, um den Parteilinken nicht weiter in die Quere zu kommen.
Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter betrachtet das politische Comeback Münteferings ebenfalls mit Skepsis. "Mit Müntefering verbinden sich in der SPD übertriebene Hoffnungen. Zwar können die Umfragewerte kurzfristig steigen, aber die Zerrissenheit der Partei ist damit nicht beseitigt", sagte Falter der RUNDSCHAU. Das gelte besonders für den Grundsatz-Konflikt über eine Öffnung der SPD zur Linkspartei.