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| 01:03 Uhr

Neue Rätsel um Echnaton und Nofretete

Nasry Iskander vom Ägyptischen Museum in Kairo ist derzeit ein gefragter Mann. Denn jetzt, da die britische Forscherin Joann Fletcher eine Mumie aus dem Tal der Könige als Nofretete identifiziert haben will, ist die wissenschaftliche Debatte um die Identität der verschiedenen Mumien aus der 18. Dynastie neu entbrannt. Von Anne-Beatrice Clasmann

Iskander erforscht seit 35 Jahren die sterblichen Überreste der Pharaonen und trägt in Fachkreisen den Spitznamen "Mr. Mumie". Er ist nicht überzeugt, dass es sich bei der stark beschädigten Mumie aus Grab 35 um die schöne Gattin von Pharao Echnaton handelt.
Mehr als 3000 Jahre nach ihrem Tod hatte die einflussreiche Königsgemahlin aus der 18. Dynastie in letzter Zeit mehr Schlagzeilen als so manche zeitgenössische Monarchin. Zumindest die Aufregung um die weibliche Mumie aus einer Nebenkammer des Grabes von Amenophis II. im Tal der Könige kann Iskander überhaupt nicht verstehen. Die von Fletcher angeführten Belege dafür, dass es sich bei der stark beschädigten Mumie um Nofretete handeln könnte - ein angewinkelter Arm, eine Perücke, ein kahl geschorener Kopf und zwei Löcher im linken Ohr, die Ähnlichkeit mit der Berliner Büste - überzeugen ihn nicht. "Das sind Spekulationen, die auf ganz tönernen Füßen stehen", meint auch der Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Kairo, Günter Dreyer.

Echte Beweise fehlen
Einen überzeugenden Beweis könnte im Falle Nofretetes nicht einmal ein DNA-Test liefern. Denn Nofretete - ihr Name bedeutet "Die Schöne ist gekommen" - hatte in die Königsfamilie eingeheiratet. Während die Pharaonen ansonsten gerne unter ihresgleichen blieben und aus dynastischen Gründen gelegentlich ihre eigenen Schwestern oder Cousinen heirateten, nahm Amenophis IV. (1340-1324 v. Chr.), der seinen Namen später in Echnaton änderte, eine Schöne aus der Fremde zur Frau. Echnaton wurde der Begründer der ersten monotheistischen Religion. "Nofretete stammte wahrscheinlich aus Vorderasien. Da sie keine Verwandte war, würden also auch genetische Untersuchungen nicht weiterhelfen", erklärt Dreyer. Er selbst wäre nur durch ein schriftliches Zeugnis oder eine Markierung auf der Mumienbinde zu überzeugen.
Nasry Iskander hatte in den 90er-Jahren bereits einige DNA-Tests an Mumien aus den ersten Jahrhunderten der 18. Dynastie vorgenommen. Doch seit mehr als zwei Jahren gibt es keine Genehmigungen für Gen-Untersuchungen mehr. Iskander bedauert dies sehr, vor allem weil er gerne Licht in die Verwandtschaftsbeziehungen der 18. Dynastie bringen möchte. Auch liegt ihm die Untersuchung einer bestimmten Mumie in seinem Labor, die in einem besonders schlechten Erhaltungszustand ist, sehr am Herzen. "Ich habe hier diese Mumie unter dem Namen Amenhotep III., es könnte aber genauso gut Echnaton sein", meint der ägyptische Forscher. Zu den Gründen für das Gentest-Verbot will er nichts sagen.
Doch welche politischen Konsequenzen könnte das Erbgut eines vor weit mehr als 3000 Jahren verstorbenen Mannes haben, selbst wenn dieser einst ein großes Reich regiert hatte„ "Sie erinnern sich an diese Pressekampagne, in der behauptet wurde, Juden seien am Bau der Pyramiden beteiligt gewesen“", fragt ein ägyptischer Wissenschaftler mit Verschwörerblick. "Und sie brauchen ja nur nach Palästina zu gucken, um zu sehen, was passiert, wenn die Juden glauben, ihre Vorfahren irgendwann einmal hätten auf einem Stück Land gesiedelt, dann kommen sie und beanspruchen es für sich". Die ausländischen Archäologen, von denen jedes Jahr Hunderte zu Grabungskampagnen im Land der Pharaonen aufbrechen, wissen um diese irrationalen Empfindlichkeiten der Ägypter, die seit 1979 einen Friedensvertrag mit Israel haben.
Für die neuen Vorschriften der ägyptischen Altertümerverwaltung, die seit dem vergangenen Jahr vom ehemaligen Direktor des Pyramidenplateaus von Gizeh, Zahi Hawwas, geleitet wird, haben sie jedoch Verständnis. So muss jeder Ausländer, der in Ägypten forscht, nun seine Ergebnisse kurz nach dem Ende seiner Grabungskampagne schriftlich in arabischer und englischer Sprache bei der ägyptischen Verwaltung einreichen. Nur, dass es in der Umgebung der Pyramiden von Gizeh und Sakkara derzeit keine neuen Grabungskonzessionen für Ausländer gibt, stört einige ambitionierte Ausländer.

Mehr Ägypter sollen graben
Doch der arbeitswütige Hawwas will mehr ägyptische Archäologen zum Zuge kommen lassen und hat sich noch weitere nationalistische Ziele gesetzt. So hat er innerhalb kürzester Zeit für die Rückgabe mehrerer wertvoller Stücke aus dem Alten Ägypten gesorgt, die einst auf illegale Weise das Land verlassen hatten. Peinlich war für die Altertümerverwaltung allerdings ein Vorfall am Kairoer Flughafen vor einigen Monaten. Dabei nahmen Zöllner einen Antiquitätenschmuggler fest, der 362 wertvolle Stücke ausführen wollte, darunter einige aus der Pharaonenzeit. Wie sich herausstellte, war Abdelkarim Abu Schanab, ein Beamter der Altertümerverwaltung, in den Schmuggel verwickelt.
Die Rückkehr der Sargwanne, in der Echnaton ursprünglich hätte bestattet werden sollen, vom Ägyptischen Museum in München nach Kairo hatte zwar bereits sein Vorgänger Gaballah Ali Gaballa vereinbart. Doch ist die Geschichte der in München aufwändig restaurierten Sargwannen, die über einen Genfer Kunsthändler nach Bayern gelangt war, gleichzeitig der erste Akt einer Intimfeindschaft zwischen Hawwas und dem Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, Dietrich Wildung. Denn Wildung hatte damals als Direktor in München die Überreste der Sarkophagwanne für das Museum gekauft.
Der zweite Akt folgte im vergangenen Herbst, als Hawwas, der sich gerne mit seinem Cowboyhut auf dem Kopf fotografieren lässt, zusammen mit US-Forschern einen Mini-Roboter in die größte der Gizeh-Pyramiden schickte, um bei einer für das Fernsehen perfekt inszenierten Live-Show einen bislang unerforschten Gang zu erkunden. Wildung schmähte die aus seiner Sicht unseriöse Inszenierung des Spektakels und erhielt von Hawwas prompt die Botschaft, er müsse sich in Ägypten künftig nicht mehr blicken lassen.
Die Kunstaktion für die Biennale in Venedig, für die Wildung Ende Mai den Original-Kalksteinkopf der Nofretete aus der Vitrine holte, veranlasste den modernen Herrscher über Ägyptens archäologische Schätze zu einer weiteren verbalen Breitseite gegen Wildung. "Nofretete ist in Berlin nicht in sicheren Händen", schäumte Hawwas. In Kairo wurden Rufe nach einer Rückgabe der Büste laut. Sie war 1912 von einem deutschen Archäologen entdeckt und im Rahmen einer so genannten Fundteilung zwischen den Ägyptern und den ausländischen Forschern legal außer Landes gebracht worden.
So viele Spuren der Hochkultur der Pharaonen wurde in den vergangenen 100 Jahren entlang des Nils aus dem Boden geholt, dass es im Magazin des Ägyptischen Museum am zentralen Tahrir-Platz in Kairo kaum noch Raum für neue Funde gibt. Deshalb hat sich die ägyptische Regierung zum Bau eines großen Museums in Sichtweite der Pyramiden entschlossen.