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| 02:39 Uhr

Neue Kohle-Studie sorgt für Ärger

Windräder drehen sich vor den Kühltürmen des Leag-Kohlekraftwerks Jänschwalde (Spree-Neiße) – die Lausitz befindet sich seit Jahren im Strukturwandel.
Windräder drehen sich vor den Kühltürmen des Leag-Kohlekraftwerks Jänschwalde (Spree-Neiße) – die Lausitz befindet sich seit Jahren im Strukturwandel. FOTO: dpa
Cottbus/Dresden. Ein Gutachten der, das die Grünen-Bundestagsfraktion in Auftrag gegeben hat, sorgt bei den Industrie- und Handelskammern in Cottbus und Dresden für Ärger. Eine von dem Beratungsunternehmen Arepo Consult vorgelegte Kurzstudie kommt im Kern zu der Einschätzung, "dass die Bedeutung der Braunkohle insgesamt tendenziell überschätzt wird". Christian Taubert

"Die Lausitz könnte zu einer der Zukunftsregionen unserer Republik werden, wenn die politischen Weichen richtig gestellt werden." Bevor Cem Özdemir am Mittwoch seine Tour in der Region beendete, machte er Mut. Der Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl, der zum ersten Mal an einer Tagebaukante in der Lausitz stand, nannte auch die Voraussetzungen, unter denen das seiner Auffassung nach gelingen kann. "Man darf den Leuten hier aber nicht länger Sand in die Augen streuen und falsche Versprechen machen. Die Kohle hat mittelfristig keine Zukunft", betonte er. Und: Statt den Strukturwandel zu blockieren, gelte es mit den Fachkräften vor Ort, den Unternehmen und allen Betroffenen, diesen Wandel aktiv zu gestalten.

Die Industrie- und Handelskammern in Cottbus und Dresden haben sich am Tag danach verwundert über die Einschätzung des grünen Spitzenpolitikers gezeigt. "Haben die Grünen da etwas verpasst", fragt sich der Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus Wolfgang Krüger. Wer die Initiativen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Unternehmen nicht wahrgenommen habe, die den Strukturwandel in der Lausitz befördern, "der hat hier einen klassischen Wahlkampfauftritt abgeliefert". Die Lausitz wisse, dass die Zeit der Braunkohle endlich ist. "Aber wir haben hier den modernsten Braunkohle-Kraftwerkspark Europas", betont Krüger und verweist darauf, dass der Strukturwandel in der Region mit der Kohle gelingen soll.

Für Lars Fiehler ist der Strukturwandel in der Lausitz kein Zukunftsszenario. "Er findet bereits seit geraumer Zeit statt", erklärt der Pressesprecher der IHK Dresden. In welche Richtung die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes genau gehen wird, lasse sich heute noch nicht mit Bestimmtheit sagen.

Aus Sicht der sächsischen IHK seien aufgrund der Bedeutung der Braunkohleverstromung auch die ökonomischen und politischen Risiken in diesem Prozess beträchtlich und schwer kalkulierbar. Daher gelte es, "den Strukturwandel proaktiv anzugehen, und nicht zu warten, bis weitere Strukturbrüche eintreten", schildert Fiehler. Die Landesregierungen von Sachsen und Brandenburg haben sich im Juni in Großrä-schen dazu verständigt.

"Ziel muss es sein", erklärt der Dresdner IHK-Sprecher, "ein möglichst hohes Industrialisierungsniveau in der Lausitz zu bewahren. Das heißt, die Lausitz als Industrieregion zwischen den beiden Ballungsräumen Dresden und Berlin sowie Polen zu etablieren."

Die Grünen legten zugleich eine von ihnen in Auftrag gegebene Kurzstudie von Arepo Consult vor (siehe Infobox). Danach wird aufgrund der immer weniger werdenden direkten und indirekten Arbeitsplätze oder der Suche von Energieunternehmen bundesweit nach neuen Geschäftsfeldern geschlussfolgert: "Die Bedeutung der Braunkohle wird insgesamt tendenziell überschätzt."

So würden heute bundesweit in der Erneuerbaren-Branche 17-mal mehr Menschen als in der Braunkohlenwirtschaft arbeiten - in Brandenburg mehr als doppelt so viele.

"Ich weiß nicht, wer Arepo Consult ist und woher die Erkenntnisse kommen. Mit uns hat niemand gesprochen", zeigt sich Wolfgang Krüger verärgert. Die Grünen würden vor dem Hintergrund der Klimaschutzpolitik "die sozialen Folgen völlig außer Acht lassen. Wir aber wollen den Menschen eine Perspektive mit guten Löhnen in der Region bieten."

Zum Thema:
Arepo Consult ist ein 2009 in Berlin gegründetes Beratungsunternehmen, das sich auf Themen der erneuerbaren Energien, der Energieeffizienz und der Klimapolitik konzentriert. Das Unternehmen ist national und international tätig. Es berät auch die deutsche Bundesregierung. Typische Leistungen sind Modelle, Meta- und Länderstrategiestudien oder Vorträge.