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Neue Heimat Plattenbau - Gabriel besucht Flüchtlinge

Magdeburg. Ob in Brüssel, Berlin oder am Mittelmeer: Das Schicksal von Flüchtlingen ist derzeit das große Thema. In Magdeburg leben Flüchtlinge in einem alten Plattenbau. SPD-Chef Gabriel hat nach einem Besuch mehrere Botschaften. dpa

Vor dem Plattenbau blüht der Löwenzahn, die Vögel zwitschern in der Sonne. Was für ein Kontrast zu der Geschichte, die Naweed Nazami erzählt: Er ist aus Afghanistan geflohen, vor Selbstmordanschlägen und Enthauptungen. Ihm sei in die Schulter geschossen worden. "Jeden Tag passiert etwas Schlimmes", erzählt der 28-Jährige. Er habe sein Haus verkauft, um die Flucht zu bezahlen. Seit ein paar Tagen lebt er mit seiner schwangeren Frau in einem Plattenbau in Magdeburg. Das Haus sollte eigentlich abgerissen werden. Nun wohnen in dem Block 120 Flüchtlinge.

Das Schicksal von Flüchtlingen wird in Brüssel, im Bundestag und auch im Landtag von Sachsen-Anhalt debattiert. Das Land hat düstere Schlagzeilen hinter sich. Am Osterwochenende brannte eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz, die Täter sind noch nicht gefasst. Vizekanzler Sigmar Gabriel traf sich mit dem Landrat des Burgenlandkreises, zu dem die Ortschaft gehört. Er kündigte an, dass der Bund die Kommunen bei den Kosten für die Flüchtlinge entlastet. Nun in Magdeburg wieder ein Termin in Sachen Flüchtlinge. Der SPD-Chef besetzt das Thema.

Kurz bevor Gabriel kommt, gibt es eine Schrecksekunde. Zwei stark tätowierte Männer, die gefährlich aussehen, kreuzen auf und verschwinden hinter dem Plattenbau. Der Stadtteil Olvenstedt gilt als Problemviertel. Bevor die Flüchtlinge einzogen, sind Steine auf das Haus geflogen.

Wie Mitarbeiter der Stadt erzählen, klappt das Zusammenleben aber heute. Es gibt Anwohner, die Kleider, Möbel und Geschirr spenden. Beim Frühjahrsputz haben die Flüchtlinge mitgemacht. Man müsse frühzeitig mit den Leuten vor Ort reden, sagt Simone Borris, Beigeordnete für Soziales.

Ausfälle wie beispielsweise im Burgenlandkreis, wo Tröglitz liegt, seien die Ausnahme, sagt Gabriel. Deutschland sei anders als in den 90er Jahren. Gabriel erinnert an die damalige Devise "Das Boot ist voll". Deutschland sei heute viel mitfühlender. "Die Mitmenschlichkeit ist ungeheuer groß."

Zwei Dinge macht Gabriel deutlich: Die Flüchtlinge sollten früher Deutsch lernen können als bislang. Und die Asylverfahren müssten zügiger sein. Damit meint Gabriel eindeutige Fälle, etwa Bürgerkriegsopfer, die bleiben dürfen. Oder wenn Bewerber aus Osteuropa abgelehnt werden: Die sollten gar nicht erst auf andere Unterkünfte verteilt werden, so der SPD-Chef.

300 000 Flüchtlinge erwartet das Bundesamt für Migration dieses Jahr in Deutschland, die Länder rechnen noch mit viel mehr. In Magdeburg sind es derzeit etwa 1400. Naweed Nazami ist einer von ihnen. Der Übersetzer lebt zwischen den Häusern, die der Politiker-Tross besucht. In den zwei einfach hergerichteten Zimmern stehen ein Bett, Tisch und Stühle. Auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland sei ihr Boot fast gesunken. Nun wirkt Nazami, als ob er sich in Sicherheit fühlt. Er lobt die Deutschen. "Sie helfen uns wirklich", sagt er. "Sie behandeln uns sehr gut."