Ein Kornfeld säumt im Süden des Gazastreifens den Stadtrand von Chan Junis. Auf der anderen Seite des Ackers liegt der israelische Kibbuz Ein Haschloscha. Nur fünf Kilometer trennen die beiden Ortschaften - und ein hochgesicherter Grenzzaun.

In dem Feld, keine zwei Kilometer vom Kibbuz entfernt, stießen israelische Soldaten auf einen Tunnel, der von palästinensischen Kämpfern aus dem Gazastreifen gebaut wurde. Der rund drei Kilometer lange unterirdische Gang hat Betonwände und ist mit Strom- und Kommunikationskabeln ausgestattet. Mit einem elektrisch betriebenen Karren sei die Erde auf Schienen zum Tunneleingang gefahren worden, erklärt der Oberstabsfeldwebel Mohamad Abu Solb der Deutschen Presse-Agentur. Seit Jahren leitet er im Gaza-Gebiet die Fährtenleser-Einheit des israelischen Militärs. Diese durchkämmt den Grenzraum nach Eindringlingen und Bomben.

Die Mehrheit der Fährtenleser sind Beduinen, sie gehören der in Israel lebenden arabischen Minderheit an. Sie sind Muslime, genau wie ihre Gegner, die bewaffneten Palästinensergruppen in Gaza. Abu Solb, der fließend Hebräisch kann, spricht mit seinen Untergebenen auf Arabisch. Im Aufspüren von Fährten gelten sie als Experten.

Unter der Erde begutachtet Abu Solb die Arbeit der palästinensischen Tunnelgräber. "Meter für Meter rücken sie vor", sagt er. "Sie stützen Wände und Decken mit Betonplatten, damit diese nicht einfallen und so geht es immer weiter", sagt er. "Es ist eine akribische Arbeit." Statt Holz würden sie nun Beton benutzen. "Sie werden immer ausgeklügelter", sagt Abu Solb.

Während des Gaza-Krieges im Juli und August vergangenen Jahres fand Israel 32 solcher Angriffstunnel. Palästinensische Kämpfer nutzen die Gänge, um ins Land einzudringen und Soldaten oder Zivilisten zu entführen. Mehrere israelische Soldaten wurden so getötet. "Ehrlich gesagt, waren wir alle sehr überrascht. So viele Tunnel hatten wir nicht erwartet", sagt Abu Solb. Ihre Zerstörung war eines der Hauptziele von Israels Offensive. Nun baue die radikal-islamische Palästinenserorganisation Hamas das unterirdische Gänge-System wieder auf, sagt Israel. Zudem habe die Organisation in den vergangenen Wochen Testraketen ins Mittelmeer gefeuert.

Vor dem Gaza-Krieg fand Abu Solbs Einheit fast jede Woche Bomben am Grenzzaun. Früher seien es improvisierte Sprengsätze gewesen. "Heute haben sie fortschrittliche und starke Sprengsätze mit großen Mengen an Sprengstoff", sagt er. "Damit könnte man ein gepanzertes Fahrzeug in die Luft jagen und großen Schaden anrichten". Seit den Kämpfen 2014 habe es noch zwei Funde am Grenzzaun gegeben.

Trotz der 50-tägigen Offensive, bei der 2100 Palästinenser und 72 Israelis starben, hat sich die Lage nicht geändert. Bei den Kämpfen wurde Gaza massiv zerstört, Hunderte palästinensischer Raketen sind über Israels Städten abgefangen worden. Verhandlungen über eine langfristige Waffenruhe wurden abgebrochen.

Angesichts der ergebnislosen Offensive ist Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor den Parlamentswahlen am 17. März scharf kritisiert worden. Die Bevölkerung fühlt sich von den bewaffneten Gruppen an ihrer Grenze bedroht. Netanjahu spielt mit dieser Angst der Wähler. "Nur die Likud", lautet sein Wahlkampfslogan. Nur seine Partei könne die Sicherheit Israels gewährleisten, impliziert der Spruch.

Zwei israelische Offensiven 2009 und 2012 konnten die palästinensischen Raketenangriffe auf den Süden des Landes nicht stoppen. Auch nach dem dritten Angriff im vergangenen Jahr ist laut Israels Außenminister Avigdor Liebermann nichts entschieden. Eine vierte Runde der Gewalt gegen die Hamas sei nur eine Frage der Zeit, sagt der Politiker der ultrarechten Partei Israel Beitenu (Unser Haus Israel). "Die Hauptfrage ist, wie sichergestellt werden kann, dass die vierte Offensive auch die Letzte sein wird", sagt Liebermann.