Die beiden wichtigsten Staaten des westlichen Balkans liegen wieder im politischen Clinch. Kroatiens Regierungschef Zoran Milanovic hat am Freitag seinen für Mitte Dezember geplanten Besuch in Belgrad abgesagt. Sein serbischer Amtskollege Aleksandar Vucic verbittet sich "Belehrungen in Sachen Demokratie". Voller Empörung sagt er: "Wir sind doch kein Boxsack", auf den jeder einschlagen kann! Die serbische Zeitung "Danas" sieht eine "neue Eiszeit" anbrechen.

Er hat es also wieder einmal geschafft: Serbiens Nationalistenführer Vojislav Seselj, nach über elf Jahren wegen Krebsleidens aus dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag entlassen, bestimmt die Politik wie eh und je.

Das EU-Parlament hatte am Vortag eine Resolution gegen Serbien verabschiedet, weil es sich angeblich nicht ausreichend von den Hassreden Seseljs distanziert. "Seselj, die Kroaten und die EU gemeinsam gegen Serbien", titelt das Belgrader Boulevardblatt "Informer" am Freitag.

Das EU-Mitglied Kroatien, auf dessen Initiative die EU-Parlamentarier aktiv wurden, habe "Serbien gedemütigt", schimpft sein Spitzenpolitiker Vucic. Wir haben doch nichts mit Seselj gemein, versichert er fassungslos. "Wer hat ihn denn aus Den Haag entlassen? Wir oder ihr?", fragt er. In der Tat kann man Serbien zur Zeit vieles nachsagen, aber sicher nicht, dass es die Seselj-Politik eines Großserbiens unterstützt.

EU-Kandidat Serbien, immerhin das größte Land der Region, sieht sich auch von anderen Ländern ungerecht behandelt. In dem von Serbien abgefallenen Kosovo sind in den vergangenen Tagen überall Fahnen mit den Umrissen eines Großalbaniens aufgetaucht - Belgrad sieht sich bedroht.

Neuen Streit gibt es auch mit Montenegro. Regierungschef Milo Djukanovic hatte den serbischen Attentäter Gavrilo Princip, dessen Mord am Habsburger Thronfolger vor 100 Jahren den Ersten Weltkrieg ausgelöst hatte, als Terrorist gebrandmarkt.

Der Dauerstreit mit Albanien, der durch ein abgebrochenes Fußballspiel zur EM-Qualifikation und den verschobenen historischen Besuch von Regierungschef Edi Rama angeheizt worden war, wurde neu belebt: Tirana hat Importe von Arzneimitteln aus Serbien verboten.

Serbien weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Das wichtigste Ziel der EU in der Region ist die politische Befriedung des Balkans. Jetzt hat Brüssel wieder jede Menge neue Baustellen.