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Neue Drohungen nach Anschlag in Tröglitz

Markus Nierth
Markus Nierth FOTO: dpa
Tröglitz. Die Behörden wollen den Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Tröglitz schnell aufklären. Schon bald soll der Ort ein Zuhause für erste Flüchtlinge werden. Neue Drohungen überschatten die Bemühungen. A. Ringle-Brändli und J. Aberger / dpa/hil

Der kleine Ort Tröglitz in Sachsen-Anhalt ist seit Ostern gebrandmarkt. "Davon wird Tröglitz sich wohl nie erholen", sagt Markus Nierth. Der siebenfache Familienvater ist Anfang März als Ortsbürgermeister zurückgetreten, weil er sich und seine Familie offenen rechtsextremen Anfeindungen ausgesetzt sah. Immer wieder gab es in den vergangenen Wochen Proteste gegen ein geplantes Flüchtlingsheim, für das sich auch Nierth einsetzt.

Am Samstag nun haben Unbekannte das Haus angezündet, in das im Mai 40 Flüchtlinge einziehen wollten. Der zuständige Landrat Götz Ulrich ist unter Polizeischutz gestellt worden. Er wird bedroht, weil er weiter an der Unterbringung der Flüchtlinge in Tröglitz festhält. Und auch die Familie von Nierth hat neue Drohungen bekommen. Wie geht es nun weiter in Tröglitz? Für Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) ist klar: In den Ort sollen so bald wie möglich die ersten Flüchtlinge kommen.

Ostermontag ist es ruhig in dem Ort mit gut 2700 Einwohnern. Einige werkeln in ihren Vorgärten. Wer für das Feuer verantwortlich ist und ob Fremdenhass der Grund war, ist auch zwei Tage nach der Tat unklar. Die Staatsanwaltschaft hält einen politischen Hintergrund für naheliegend. Spricht man Bewohner an, wollen die meisten nichts sagen oder drehen sich um. Vor dem Flüchtlingsheim steht ein Polizeiwagen. Das Innenministerium hat den Schutz von Asylbewerberunterkünften in ganz Sachsen-Anhalt erhöht.

Landrat Ulrich schildert in mehreren Interviews, wie er bedroht wird. "Das nimmt unangenehme Formen an. Das geht sogar so weit, dass die Methoden der Französischen Revolution angedroht werden", sagt der CDU-Mann. Laut "Bild"-Zeitung ist in dem Zusammenhang von einer Enthauptung die Rede gewesen. Dem MDR sagt Ulrich über E-Mails, die er erhalten hat: "Ich bin persönlich bedroht worden und der Hinweis kam, dass das nicht der letzte Schritt ist."

Ulrich ist für die Unterbringung von Flüchtlingen in dem Kreis zuständig. Unlängst hatte er beim Bund nach Angaben des Kreises eine stärkere Förderung beantragt. Unter anderem habe er sich für Deutschkurse für Kinder von Asylbewerbern eingesetzt. Welche Folgen ein solcher Einsatz haben kann, weiß Nierth nur zu genau. Die NPD hatte direkt vor seinem Privathaus gegen das Asylbewerberheim protestiert.

Nach dem Brandanschlag zeigten sich viele im Ort betroffen und wollten ein Zeichen gegen Fremdenhass und für ein tolerantes Tröglitz setzen. Rund 300 Menschen kamen am Samstag zu einer spontanen Demonstration. Auch Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) war dabei. Ulrich kündigte dabei an, mit Vermietern sprechen zu wollen und andere Häuser zu finden, um die Flüchtlinge unterzubringen.

Diese Idee will Innenminister Holger Stahlknecht schnell in die Tat umsetzen. Als Zeichen, "dass die Menschen vor Ort sich durch so ein Geschehen nicht abschrecken lassen". Schon am Dienstag will er mit dem Landrat über eine Unterbringung von Flüchtlingen in privaten Wohnungen sprechen. Auch das unbewohnbare Flüchtlingsheim soll nach der Sanierung wie geplant von Asylbewerbern bezogen werden.

Viele Tröglitzer müssen die Geschehnisse derweil noch verarbeiten. Der örtliche Pfarrer Matthias Keilholz etwa sagt am Sonntag, dass es eine "große Betroffenheit" unter den Gemeindemitgliedern gebe.