"Da muss ich morgens vor dem Kleiderschrank nicht lange überlegen, was ich anziehe", sagt der offenbar praktisch veranlagte Zwölfjährige aus Wriezen (Märkisch-Oderland).

Blaue Schuluniformen
So wie er tragen auch 30 anderen Siebtklässler die neuen, blauen Kleidungsstücke mit dem weinroten Schul-Logo voller stolz. Wissen die Mädchen und Jungen doch, dass diese Sachen sie als besondere Schüler ausweisen. Sie sind die ersten im neugegründeten Evangelischen Johanniter-Gymnasium in Wriezen, in dessen Gründungskuratorium Persönlichkeiten wie Landesbischof Wolfgang Huber, der frühere Hochwassergeneral und Präsident der Johanniter-Un fall-Hilfe, Hans-Peter von Kirchbach, oder die Frankfurter Uni-Präsidentin Gesine Schwan sitzen.
Denn die neue Ganztagsschule ist nicht einfach eine kirchlich geprägte Bildungseinrichtung mit obligatorischem Religionsunterricht, Morgensegen und Tischgebet. Nach fünf erfolgreichen Schuljahren halten die Absolventen nicht nur ihr Abiturzeugnis, sondern auch einen Gesellenbrief in den Händen. Was zu DDR-Zeiten als Berufsausbildung mit Abitur bekannt war, erlebt jetzt in Wriezen quasi eine modernisierte Neuauflage. "Für die Umsetzung dieses Konzeptes arbeiten wir eng mit der Frankfurter Handwerkskammer, ihrem Ausbildungszentrum in Hennickendorf sowie mit Firmen aus der Region zusammen", erklärt Schulleiter Michael Tiedje.
Viele Abiturienten seien nach dem Schulabschluss stark verunsichert, weil in den Schulen zu wenig für eine berufliche Orientierung getan werde, beschreibt der Pädagoge. "Die Folge sind jede Menge orientierungslose Studienabbrecher und Unternehmen, die händeringend Fachkräfte suchen." Vielfältige Praktika in Firmen unterschiedlichster Branchen sollen für die Wriezener Gymnasiasten ab Klasse 9 zum Schulalltag gehören, Fachleute aus der Wirtschaft in den oberen Klassen unterrichten. Das 13. Schuljahr schließlich gehört laut Schulleiter ganz und gar der Lehre.

Start mit nur 31 Schülern
"Für uns als Neustarter war das ein Kampf um jeden einzelnen Schüler", erinnert sich Tiedje, der das neue Wriezener Gymnasium lieber gleich mit 50 Siebtklässlern begonnen hätte. Es waren aber nur 31, mit denen er an einer staatlichen Schule keine Chance gehabt hätte. Dennoch hält er den Neuanfang in Wriezen für sinnvoll. "Wenn wir beweisen, dass unser Konzept funktioniert, werden wir in Zukunft deutlich mehr Bewerber haben", ist Tiedje zuversichtlich.