Gun lacht viel, irgendwie hat er seinen Frieden gemacht mit dem, was da vor zwei Jahren im wahrsten Sinne des Wortes über ihn hereinbrach.
In dem Tsunami vom 26. Dezember 2004 kamen seine Eltern ums Leben, die gerade zu Besuch aus Deutschland da waren, und die Hälfte seiner zwölf Nachbarn am Strand von Bangniang - alles enge Freunde. Er selbst wurde 150 Meter vom Meer entfernt aus dem Fenster seines Hauses in eine nahe gelegene Bungalow-Anlage geschleudert und dann "wie von einer Klospülung" zwei Minuten unter Wasser gezogen. "Dann kam ich hoch und griff nach einer Matratze", sagt Gun. Er fand sich später 900 Meter weiter in einem Baum wieder. Unterhose und Buddha-Kette waren alles, was ihm geblieben war.
"Aber vielleicht hat das Schlechte ja auch was Gutes", sagt der sanfte Mann mit dem verwegenen Künstlernamen. Er lebt seit 15 Jahren in Thailand. Seine Eltern, zum Unglückszeitpunkt 64 und 75 Jahre alt, hätten Angst vor Gebrechlichkeit im Alter gehabt und vor Alzheimer. "Wenn Gott sie vor die Wahl gestellt hätte: Wollt ihr noch vier Jahre leben aber dahinsiechen„ Oder wollt ihr vier Jahre weniger leben, aber einen schnellen Tod sterben“ Dann hätten sie mit Sicherheit das zweite gewählt", meint er.

Glaube an Reinkarnation
Und dann ist da noch sein Sohn Martin, eineinhalb. Seine Freundin war damals im vierten Monat schwanger und nicht zu Hause, als die Welle kam. "Er wurde am 16. Juni 2005 geboren. Als ich ihn nach der Geburt sah, dachte ich sofort: Na, sieht er nicht ganz wie mein Vater aus? Das Leben geht weiter, ich glaube an Reinkarnation." Seine Eltern wurden drei Monate nach dem Tsunami identifiziert. Gun verabschiedete sie in einer halb christlichen, halb buddhistischen Zeremonie und ließ die Asche ins Meer streuen. Die Auflösung der Wohnung in Witten sei dagegen "extrem krass" gewesen. "Der Vermieter forderte mich noch auf, nur ja die Lichtschalter zu putzen, an denen der schwarze Staub des Bundeskriminalamtes hing, das Fingerabdrücke zur Identifizierung der Leichen genommen hatte", sagt er.
Gun hatte vor dem Tsunami am Strand von Bangniang gerade ein Immobiliengeschäft aufgemacht. Ferienhäuser wollte er verkaufen, die Region 120 Kilometer nördlich des längst überlaufenen Patong-Beach auf Phuket war schwer im Kommen, noch unberührt und ohne riesige Hotelburgen am Strand. Nach der Welle, die hier an den seichten Stränden Tausende in den Tod riss, wollte niemand mehr etwas von Ferienhäusern wissen. Trotzdem hat Gun wieder aufgebaut.
"Man musste Gas geben, um wieder mit dem Leben zu beginnen", sagt er. "Mit Trauern verliert man unheimlich viel Energie." Gun verkaufte sein Häuschen, denn damit waren doch zu viele Erinnerungen verbunden. Er arbeitete zunächst als Webdesigner, jetzt läuft das Immobiliengeschäft so langsam wieder an. Und er schreibt an einem Buch über Träume und Trümmer in Thailand.

Stolz aufs Überleben
Unter den Überlebenden gebe es eine Art Gruppendynamik. "Es entwickelt sich so eine Art Stolz, dass man dabei war und es überlebt hat", sagt er. "Am lautesten jammern die, die am wenigsten mitbekommen haben", meint Gun. Zum Beispiel die, die selbst unversehrt blieben, aber ständig über ausbleibende Kunden lamentieren. Und fertig macht ihn so etwas wie die Geschichte der Frau, die sich in München Monate lang arbeitsunfähig meldete, weil sie die Welle vom Balkon eines Hotels mit angesehen hatte. "Vom Balkon! Das ist ja wie im Fernsehen", sagt Gun und schüttelt den Kopf.
Am Anfang habe er eine "schräge Beziehung" zum Meer gehabt, jetzt nicht mehr. Nach einem dreiviertel Jahr war er das erste Mal wieder tauchen. "Sehr erfrischend", sagt er. "Ich habe keine offene Rechnung mit dem Meer, es hat mich ja auch irgendwie gerettet."