Irgendwie ist Günter Kauffmann die Sache etwas peinlich. Schließlich sei es doch Zufall gewesen, dass gerade er in dieser Nacht vor 25 Jahren als Schaltmeister im Kraftwerk Jänschwalde Dienst hatte, sagt der 60-jährige Cottbuser. Er sei zwar damals in der Partei gewesen, aber das habe keine Rolle dabei gespielt, dass er den entscheidenden Knopf drücken durfte, mit dem erstmals aus Jänschwalde Strom geliefert wurde. "Das fiel einfach in meine Aufgaben damals", versichert der geborene Thüringer.1964 war der Elektriker in die Lausitz gekommen, um im Kraftwerk Vetschau, später in Lübbenau und dann auf der Baustelle in Jänschwalde zu arbeiten. 1976 hatte man dort angefangen das bis heute größte ostdeutsche Braunkohlekraftwerk zu errichten. Die sechs 500-Megawattblöcke waren für die DDR damals auch die modernste Stromfabrik.

Weiche Knie am Schaltpult

Der 20. März 1981 war ein Freitag. Als Günter Kauffmann abends seine Schicht begann, war klar, dass der erste neue Kraftwerksblock in dieser Nacht mit dem Hochspannungsnetz verbunden werden sollte. Dazu, so der ehemalige Kraftwerkselektriker, war damals noch viel Handbetrieb am Schaltpult des Generators nötig. Mit vielen Regelungs- und Schaltschritten musste der Stromkreis des Generators an das Hochspannungsnetz außerhalb des Kraftwerkes angepasst werden. "Das war schon eine technische Herausforderung", sagt Kauffmann, der zugibt, damals auch etwas weiche Knie gehabt zu haben. Als es in den frühen Morgenstunden geklappt hatte, gab es ein Glas Sekt und einen Strauß rote Nelken für den Schaltmeister: "Den hat gleich meine Frau bekommen, die hatte gerade am Vortag Geburtstag gehabt."

Eine offizielle Feier gab es erst am darauffolgenden Montag. Einige hundert Mitarbeiter der Montagemannschaften versammelten sich dazu in einer Kraftwerkshalle. Es gab in Anwesenheit lokaler Parteiprominenz Jubelreden auf den bevorstehenden zehnten Parteitag der SED. Sechs Monate lief Block eins danach im Probebetrieb. Sieben Jahre später war auch der sechste und letzte Block zugeschaltet.

Anfang der 90er-Jahre erlebte Günter Kauffmann dann die Umrüstung des Kraftwerkes Jänschwalde auf moderne Schalttechnik und bundesdeutsche Umweltstandards mit. "Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht, der Wechsel von Schaltrelais zum Computer." Die zu DDR-Zeiten installierte russische Technik habe zwar funktioniert, sie sei aber "sehr grob und in vielen Dingen etwas nostalgisch" gewesen.

Gewandelt habe sich auch die ganze Wartung der Kraftwerke. Was früher betriebseigene Techniker erledigten, sei heute Sache von Servicefirmen. Für die sei unvorstellbar, wie zu DDR-Zeiten manches Problem gelöst wurde: "Wenn dringend ein Motor gebraucht wurde, der auf normalem Weg nicht zu beschaffen war, wurde der einfach woanders ausgebaut."

Stolz und Wehmut

Im Jahr 2001 ging der Schaltmeister, der den ersten Block in Jänschwalde ans Netz gebracht hatte, in den Vorruhestand. Ein großes Foto im Arbeitszimmer in seiner Cottbuser Wohnung erinnert ihn an seine Kollegen. Der Blick zurück auf seine Zeit in Jänschwalde ist mit Stolz und Wehmut verbunden. Das Gefühl, einen Job gut gemeistert zu haben, mischt sich damit, dass er gern noch länger gearbeitet hätte. Seit drei Jahren war er nicht mehr auf dem Werksgelände. Im Juli zum Tag der offenen Tür will er jedoch seinen beiden kleinen Enkeltöchtern das Kraftwerk Jänschwalde zeigen.