. Manchmal ist der Blick in Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) unfreiwillig komisch. So hat beispielsweise der Inhaber der konspirativen Wohnung "Zentrum" am 11. März 1987 eine Quittung an das Ministerium übergeben, auf der die Summe von 27,70 Mark für ein paar Hausschuhe vermerkt ist. Die Latschen waren angeschafft worden, um die konspirative Wohnung heimelig zu machen. "Um Rückerstattung wird gebeten", heißt es auf dem Papierfetzen weiter.

Die Quittung - ein Beispiel von Tausenden, die Rüdiger Sielaff, Leiter der Außenstelle der Stasiunterlagenbehörde (BStU) in Frankfurt (Oder), gesichtet hat. Konspirative Wohnungen des ehemaligen DDR-Geheimdienstes sind sein Spezialgebiet. Allein in Cottbus hat es mehr als 780 gegeben. "Ohne die konspirativen Wohnungen hätte das System nicht funktioniert", sagt er.

Im Jahr 1989 verfügte die Stasi über mehr als 30 000 Inoffizielle Mitarbeiter zur "Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens" (IMK). Das waren Leute, die ihre privaten vier Wände für konspirative Zwecke zur Verfügung stellten. In solchen IMK-Wohnungen konnten sich Führungsoffiziere mit ihren Informanten treffen. Laut BStU hatte jeder Führungsoffizier drei konspirative Wohnungen zur Verfügung. "So hatte die Stasi ein dichtes Netz", erklärt Sielaff. In Ballungszentren befanden sich in manchen Hauseingängen mehrere solcher Wohnungen.

Nur der Führungsoffizier kannte die Wohnungsinhaber, seine Informanten bekamen diese niemals zu Gesicht. "Oft gab es auch einen Zweitschlüssel", erklärt Sielaff. Beliebt waren Wohnungen in anonymen Objekten wie Hochhäusern. Jeder dritte Inhaber einer konspirativ genutzten Wohnung war älter als 60 Jahre. Kinder waren ein Unsicherheitsfaktor, da diese ein konspiratives Treffen zufällig hätten stören können. "Für jede konspirative Wohnung wurde sich eine Legende ausgedacht, damit niemand Fragen stellte, wer da so ein und aus ging", so Sielaff weiter. Eine beliebte Geschichte war zum Beispiel die vom Studenten, der viel Besuch von Kommilitonen bekommt oder die des netten Rentnerehepaares, das viele Verwandte hat. "Bei den Treffen berichteten die IMs ihren Führungsoffizieren dann bei Kaffee, Kuchen und Schnaps", so Sielaff.

Die Anzahl an konspirativen Wohnungen war in ländlichen Gegenden (siehe Internetlink) eher dünn. Neben Cottbus war die Dichte in Hoyerswerda besonders hoch. Zur Wende gab es in der Zuse-Stadt mehr als 200 aktive Wohnungen. In den Neubaublöcken lebten viele Arbeiter aus dem Tagebau oder des nahe gelegenen Gaskombinates Schwarze Pumpe. "Die Stasi wollte wissen, was in den Betrieben passiert", so Sielaff.

Dabei ist eine genaue Untersuchung, wie viele konspirative Wohnungen es gab, schwierig. Aus den Akten geht hervor, dass nicht nur Dienststellen aus der Region konspirative Wohnungen in der Lausitz betrieben haben, sondern auch aus anderen Ecken der DDR. Es war nicht selten, dass auf einer Etage zwei Wohnungen waren, die von unterschiedlichen Dienststellen geführt wurden. Warum Leute ihre Wohnung der Stasi zur Verfügung stellten, hatte unterschiedliche Gründe. Ein Mietzuschuss war einer von vielen. "Es gab aber auch genügend Leute, die das freiwillig gemacht haben", sagt Sielaff. Aus den Akten gehe aber auch hervor, dass viele es abgelehnt haben, ihre Wohnung zur Verfügung zu stellen.

Die Stasi-Akten offenbaren aber auch, dass das IMK-System manchmal gründlich schiefging. So zum Beispiel bei einem konspirativen Objekt an der Cottbuser Karl-Liebknecht-Straße. Offiziell saß dort der VEB Geophysik mit Mitarbeitern, welche die Wasserqualität im Bergbau-Gebiet kontrollieren sollten. Als die Urania Cottbus 1984 in der Abteilung um Unterstützung für einen Wissenschaftsvortrag bat, bekam sie zur Antwort, "dass es keine geeigneten Mitarbeiter gibt". Auch Bewerbungen von Geophysikern blieben unbeantwortet. Der Stasi wurde die Geschichte zu heikel. Sie schloss das Objekt.

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