Dutzende Kühe tummeln sich auffällig um einen Hochspannungsmast auf der Weidefläche zwischen Duben und Lübben. Sie liegen zwischen den Stahlstreben und drumherum, wälzen sich im Schlamm, reiben sich am Strommast. Von den lauten Hubschrauber-Rotoren lassen sich die Tiere nicht stören. Frank Müller zückt seine handliche schwarze Kamera und schießt ein Foto.

Auffälligkeiten zu dokumentieren ist seine Aufgabe. "Eigentlich können die Tiere nur Schaden anrichten, indem sie die Farbe vom Mast abreiben. Aber der fällt deshalb nicht gleich um." Kühe am Strommast - das sehe er öfter mal. Und zwar von oben.

Der Mitarbeiter von Mitnetz Strom ist einmal im Jahr für gut zwei Wochen auf Augenhöhe mit den 110-Kilovolt-Hochspannungsleitungen in Brandenburg und Sachsen. Dann sitzt Frank Müller im Turbinenhubschrauber und inspiziert die Leitungen auf seinen Kontrollflügen. "Wir erfassen den Zustand der Leitungen, um weitere Maßnahmen planen zu können. Dazu zählt die Instandhaltung und Wartung der Masten", erklärt er. Der 50-Jährige notiert alle Unregelmäßigkeiten, Beschädigungen und Gefährdungen. Mit Adleraugen begutachtet er die Seile, Mastkonstruktionen, Isolatoren und Armaturen. "Die Kontrolle aus der Luft ist die schnellste und effektivste Variante, um einen Überblick zu bekommen", erklärt der Fachmann. Begehungen von Mast zu Mast gebe es auch noch - aber nur alle fünf Jahre.

Entlang der Strommasten von Duben nach Lübben bemerkt Frank Müller kaum Auffälligkeiten. "Die Leitungen sind erst im vergangenen Jahr in Betrieb genommen worden." Hier gibt es nichts zu beanstanden. Mit 20 Kilometern pro Stunde auf einer Höhe von bis zu 25 Metern werden die Masten abgeflogen. Im Schnitt begutachtet er 50 von ihnen pro Stunde. Pilot Siegfried Lange fliegt mit seinem Bell Jet Ranger bis zu fünf Meter an die Leitungen heran. "Wie nah wir heranfliegen können, ist natürlich abhängig von den Windverhältnissen", sagt der Pilot, der seit vielen Jahren für die Kontrollflüge den Steuerknüppel in der Hand hat. 22 000 Stunden seines Lebens hat er schon in der Luft verbracht. Mittlerweile ist er selber eine Art Fachmann für Hochspannungsleitungen. "Jeder von uns ist ehrgeizig, zuerst einen Fehler zu finden", sagt Siegfried Lange schmunzelnd.

Er dreht eine extra Runde über Lübben. Auch für Frank Müller ein schöner Nebeneffekt der Arbeit - der Blick von oben auf die Region. "Die Fliegerei ist schon ein Höhepunkt im Jahr", erzählt er. Eine spannende Abwechslung zu Büroarbeit und Baustellenbetreuung.

Während er nach dem 30-minütigen Flug hinter die Hochspannungsleitungen in Lübben einen Haken im Protokoll machen kann, gab es zuvor im Raum Hoyerswerda mehr zu dokumentieren. Im Norden der Stadt hat Frank Müller einen Fischadlerhorst auf einem Masten entdeckt. "So etwas sehen wir öfter." In Absprache mit dem Landesumweltamt müssen dann sinnvolle Lösungen gefunden werden: Wie die Vögel einerseits keinen Schaden an den Masten anrichten, andererseits aber auch die Brutstätte nicht zerstört werden. "Wir bauen zum Beispiel Nisthilfen unter die Horste", erklärt Müller. Dann könne nichts mehr nach unten auf die Isolatoren fallen und Probleme im Stromnetz verursachen.

Seit zwei Wochen ist der Meister im Bereich Hochspannungsleitungen nun schon in der Luft unterwegs. Sein Gebiet - Brandenburg und Teile von Sachsen - ist fertig begutachtet. Sein Fazit: "Die Hochspannungsleitungen in der Lausitz sind in einem guten Zustand." Nur einzelne kleine Maßnahmen stehen an. Zum Beispiel die Trassenfreihaltung. "Dabei geht es um den Bewuchs, der unter oder neben den Freileitungen steht. Der muss wieder auf das notwendige Maß zurückgeschnitten werden", sagt der 50-Jährige. Hier und da sei außerdem die Luftnummer der Masten nicht mehr lesbar. Entweder die gelben Schilder fehlen oder sie sind verbogen. "Die Leitungssignierung ist aber wichtig zur Orientierung bei Wartung und Instandhaltung", erklärt Müller. Größere Reparaturarbeiten stehen nicht an. "Wenn die Beseilung der Freileitungen kaputt wäre, zum Beispiel durch einen Blitzeinschlag, müsste das aufwendig repariert werden", erklärt der Fachmann. Die genaue Auswertung der Mängel findet in den kommenden Tagen statt. Um festzulegen, wo was gemacht werden muss, erstellt er eine Prioritätenliste.

Etwa 300 000 Euro investiert das Unternehmen jedes Jahr in die Kontrollflüge. Für Baumaßnahmen im Brandenburger Hochspannungsnetz hat Mitnetz Strom im vergangenen Jahr 85 Millionen Euro investiert. In diesem Jahr rechnet das Unternehmen mit ähnlich hohen Ausgaben. Die nächste Baustelle für Frank Müller: der Neubau der Hochspannungsleitungen zwischen Großräschen und Schwarzheide.

Davor aber hebt er noch einmal ab. Nach kurzem Tank-Stopp nimmt Pilot Siegfried Lange Kurs Richtung Süden. Vom Gewerbegebiet Duben-Luckau geht es mit dem Bell Jet Ranger nach Lauchhammer - zum letzten Kontrollflug für dieses Jahr.

Zum Thema:
Die Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom mbH (Mitnetz Strom) betreut in Brandenburg und Sachsen ein Verteilnetz mit einer Länge von 14 000 Kilometer und versorgt damit 400 000 Einwohner mit Strom. Deutschlandweit ist das Unternehmen für die Planung und den Vertrieb des Stromnetzes in Teilen von Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verantwortlich. Die gesamte Netzlänge beträgt 74 000 Kilometer.