Es war die jahrelange Erfahrung, die Grabungstechniker Roberto Piskorski im Sommer genau hinschauen ließ. Er entdeckte Bearbeitungsspuren an dem handtellergroßen Feuerstein. Es war ein "Schildkern", den er in den Händen hielt. Das ist eine Feuersteinkugel, von der immer wieder Splitter abgeschlagen wurden, um als Werkzeug zu dienen.

Sensationell war das Alter des Steines: 130 000 Jahre. Ein Beleg dafür, dass in der Frühsteinzeit schon Neandertaler in der Lausitz unterwegs waren. Und er blieb nicht das einzige Indiz dafür, dass in dieser frühen Steinzeit Menschen hier vermutlich einen Jagdplatz hatten. Denn in der unmittelbaren Umgebung wurde ein weiteres bearbeitetes Feuersteinstück entdeckt, ein Schaber.

Europaweite Bedeutung

Dazu Knochen damaliger Säugetiere wie Elch, Pferd, Riesenhirsch. Überbleibsel von Fischen und Pflanzen. Ein archäologischer Fund mit europaweiter Bedeutung, wie Brandenburgs Landesarchäologe Franz Schopper versichert. Denn Funde aus dieser frühen Steinzeitphase, die auch Aufschluss über damalige Lebensumstände geben, seien selten.
"Die Geschichtsbücher Brandenburgs werden sich nun ändern", freute sich Wissenschaftsministerin Sabine Kunst bei der Präsentation des Fundes am Donnerstag. Denn die bisherigen ältesten Spuren menschlichen Lebens in Brandenburg waren 50 000 Jahre alt. Die neuen Funde reichen nun 80 000 Jahre weiter zurück.

Vorsichtig freigelegt wurden die archäologischen Kostbarkeiten im Tagebauvorfeld Jänschwalde in etwa 20 Metern Tiefe. Sie gehören zur Hinterlassenschaft der "Eem-Zeit", einer Wärmeperiode zwischen Weichsel-Eiszeit und Saale-Eiszeit. Die Ablagerungen mit etwa zweieinhalb Kilometern Länge und 500 Metern Breite wurden im Mai 2010 durch den Vorschnittbetrieb des Tagebaus Jänschwalde angeschnitten.

Sand sieben am Grubenrand

Seitdem sind die Archäologen mit Minibagger, Schaufeln und Rüttelsieben dort zugange. Ermöglicht wird das durch eine gute Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Bergbau. Der "Vorschnitt" der Grube entfernt stufenweise das Erdreich über der Kohle. Der Fundort der Neandertaler-Werkzeuge befindet sich unterhalb der ersten Stufe.
Die Arbeit der Archäologen dort findet zum ersten Mal nicht im Vorfeld eines Tagebaus, sondern bereits unmittelbar in der Tagebauböschung statt, in unmittelbarer Nähe zur schweren Bergbautechnik. Auf der einen Seite in Sichtweite noch Wald an der oberen Erdkante der Grube. Auf der anderen Seite kaum 150 Meter entfernt, die Gleise der Förderbrücke F60. Die rückt langsam, aber sicher auf die Ausgrabungsstelle zu. "Wenn die Brücke hierher kommt, ist alles weg", beschreibt Ausgrabungsleiter Marcus Schneider den Zeitdruck. Doch der Bergbau nehme schon so gut es ginge Rücksicht. Den Wert dieser Ausgrabung bezeichnet Schneider als "Sechser im Lotto".

Dabei ist die Durchforstung der wichtigen Erdschicht mühsam. Martin Drukewitz schaufelt immer wieder einige Schippen Sand auf ein Rüttelsieb. Eine Kapuze unter dem Schutzhelm schützt ihn gegen Wind und Regen. Neben ihm sind einige Quadratmeter Boden von Grasresten befreit. Zusammen mit Kollegen schaufelt sich Drukewitz nun in kleinen Abschnitten jeweils nur wenige Zentimeter tief durch den Boden. Lange Eisennägel dienen als Markierungen.

Daneben ist ein etwa fünf Meter breiter Schlitz durch das Erdreich getrieben. Der schlaufenförmige Verlauf der Sedimentbänder an den Seiten zeigt, dass sich hier eine steinzeitliche Bodensenke befand. Vor 130 000 Jahren, so die wissenschaftliche Rekonstruktion, befand sich hier eine flache Niederung mit Waldtundra aus Weiden, Birken und Sanddorn. Bei den Ausgrabungen im Tagebau arbeiten Brandenburgs Archäologen mit Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin zusammen.

Technologische Hilfe

Das Tagebaugebiet Jänschwalde wird seit vielen Jahren archäologisch untersucht, bevor die anrückenden Bagger es umgraben. Dabei wurden schon früher immer wieder Feuersteinwaffen aus dem Ende der letzten Eiszeit entdeckt. Etwa 30 bis 40 Grabungen nimmt des Brandenburger Landesamt für Denkmalpflege jährlich im Bergbaurevier vor.
Vattenfall hat dafür in den vergangenen Jahren nach Angaben von Vorstandschef Hartmuth Zeiß rund acht Millionen Euro ausgegeben. Brandenburgs Wissenschaftsministerin Sabine Kunst lobte nicht nur die finanzielle Hilfe, sondern auch die technologisch Beteiligung des Bergbauunternehmens: "Ohne diese Unterstützung wäre diese Ausgrabung hier nicht möglich." Die wird noch bis in das nächste Jahr hinein fortgesetzt. Dann gehen die Bagger drüber.