In der Politik der schwarz-roten Bundesregierung könne man "keine Linie und auch keine klare Strategie erkennen", sagte Nabu-Präsident Olaf Tschimpke gestern in Berlin. Besonders verärgert zeigte sich Tschimpke darüber, wie widersprüchlich sich die Koalition in der Energiepolitik verhalte. "Der schwere Kernkraftwerks-Störfall im schwedischen Forsmark hat einmal mehr vor Augen geführt, dass es zum Ausstieg aus der Atomkraft keine Alternative gibt."
Die "gebetsmühlenartigen Forderungen" aus der Union und von einigen Bundesländern nach einer Abkehr vom Ausstieg aus dieser "Risikotechnologie" könne man deshalb nur als zynisch bezeichnen, kritisierte Tschimpke. Bislang sei zudem die drängende Frage eines atomaren Endlagers nicht gelöst. Die Regierung - und da besonders Wirtschaftsminister Glos (CSU) und Umweltminister Gabriel (SPD) - täten besser daran, "alle Kraft" in den nächsten Jahren darauf zu verwenden, erneuerbare Energien zu fördern und auszubauen.
Wegen der üppigen Förderung für Biokraftwerke würden jetzt allerdings zu viele Bauern auf den Anbau von Mais setzen. "Wenn man jetzt Deutschland mit Mais-Äckern zupflastert, ist man der Aufgabe nicht gewachsen", sagte der Nabu-Chef. Besser wäre es, wenn nur noch umweltverträglicher Anbau von nachwachsenden Rohstoffen subventioniert würde.
Hart ging der Präsident des Nabu, der inzwischen 408 000 zahlende Mitglieder zählt, auch mit anderen Entscheidungen der Politik ins Gericht. Verheerend sei die von Bundestag und Bundesrat beschlossene Föderalismusreform für den Umweltschutz. Sie werde "zum Startschuss für Ökodumping in den einzelnen Bundesländern", da die Länder künftig in vielen Bereichen der Umweltgesetzgebung von den Vorgaben des Bundes abweichen dürften. Die Folge werde eine Zersplitterung des Umwelt- und Naturschutzrechts in Deutschland sein. Auch in der Agrarpolitik zeichne sich mittlerweile "ein Rückfall in alte Muster ab". Würde zum Beispiel die Gen-Technologie in der Landwirtschaft weiter verfolgt, werde das schon bald zu einem umweltpolitischen Desaster führen.
Zwei Projekte würdigte der Nabu-Präsident gestern als besonders herausragend in der Arbeit der Umweltschutzorganisation: Die im Mai 2005 gestartete Kampagne "Willkommen Wolf", in deren Rahmen der Nabu über die scheuen Rückkehrer informiert und Vorurteile bekämpft. Die Aktion in der Lausitz sei "überwältigend positiv" begleitet worden, lobte Tschimpke das Verhalten der Bürger. 150 Jahre lang habe man Wölfe für ausgerottet gehalten, jetzt gebe es sie wieder: frei lebende Rudel in Deutschland.
Im vergangenen Jahr startete der Nabu außerdem das Großprojekt "Renaturierung der unteren Havelniederung", mit dem dieser Flussbereich auf einer Strecke von 90 Kilometern in den kommenden 13 Jahren naturnah zurückgestaltet wird. Das Havel-Projekt in Zusammenarbeit mit den Ländern Sachsen-Anhalt und Brandenburg ist das größte Flussrenaturierungsprojekt seiner Art in Europa.