Herr Kieling, warum ist die Lausitz bei Wölfen so beliebt?
Dafür gibt es drei Faktoren. Als erstes muss man sich fragen: Warum bleibt der Wolf eigentlich nicht in Tschechien oder Polen? Dort ist es doch viel wilder und ursprünglicher. In Polen und Tschechien darf der Wolf aber noch gejagt werden. Die Tiere merken sehr schnell, wo es ihnen an den Kragen geht und wo nicht. Zweitens ist Deutschland in Europa eines der wildreichsten Länder. Wir haben sehr hohe Bestände an Rot- und Schwarzwild und Rehwild. Es ist also viel Beute da. Und drittens sind speziell Truppenübungsplätze oder große Waldgebiete riesige Ruhezonen, in denen nicht viel passiert. Ein Wolf merkt schnell, dass zum Beispiel auf einem Truppenübungsplatz sehr regelmäßiger Verkehr ist. Auch wenn tagsüber dort immer mal geknallt wird, wissen Wildtiere genau, ob es ein Schuss war oder Kanonendonner oder ob sie von Jägern beschlichen werden.

Spielt dabei auch die Beschaffenheit des Waldes eine Rolle?
Das ist dem Wolf völlig egal. Ob es ein romantischer Märchenwald ist oder eine renaturierte Fläche mit aufgeforsteten Kiefern spielt keine Rolle. Der Wolf hat eine ganz andere Wahrnehmung von seiner Umwelt als wir Menschen.

Hauptsache es ist genug zu fressen dort.
Genau. Hinzu kommt noch, dass sich auch in Tschechien und Polen die Wolfspopulationen weiter ausdehnen. Dadurch werden speziell junge Tiere von ihren Artgenossen aus ihren Heimatgebieten verdrängt. Sie müssen sich dann eigene Lebensräume suchen und kommen nach Deutschland.

Welche Gefahr geht vom Wolf wirklich aus?
Ihnen wird im Wald kein Wolf begegnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn überhaupt nur sehen würden, ist fast wie ein Sechser im Lotto. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Aber auch diese Begegnung würde nur zwei oder drei Sekunden dauern. Denn die Wölfe, die im Moment in Deutschland leben, sind so scheu, dass sie wirklich nur von Wissenschaftlern oder Tierfilmern und Fotografen nach endlos langem Ausharren in Verstecken zu sehen sind. Die meisten werden nur von selbstauslösenden Kameras fotografiert. Ich habe 14 Jahre in Alaska gelebt und war oft in Gegenden, wo große Beutegreifer wie Bären oder eben auch Wölfe ungestört leben. Dort haben sie sich mir gegenüber völlig unvoreingenommen verhalten. Selbst Wölfe kamen zum Teil bis auf wenige Meter an mich heran. Diese Tiere haben noch keine schlechten Erfahrungen mit uns Menschen gemacht. In der Wahrnehmung eines Bären oder Wolfes in der Wildnis sind wir erst mal ein anderes Raubtier. Die Wölfe in Europa werden dem Menschen aber immer aus dem Weg gehen. Sie werden hier schon seit vielen Jahrhunderten gejagt. Dadurch haben sie dem Menschen gegenüber eine sehr große Scheu entwickelt.

Trotzdem taucht er immer wieder zumindest in der Nähe des Menschen auf und tötet Schafe oder Kälber.
Klar. Der Wolf wird in erste Linie Wildtieren nachstellen, von der Wühlmaus bis zum Hirschkalb. Das ist eigentlich sein Beutespektrum. Jetzt ist er aber auch ein Opportunist und Generalist: Wenn er ein Stück Muffelwild oder Dammwild sieht und merkt, dass er dem einfacher habhaft werden kann als einem schnellen Reh oder wehrhaften Wildschwein, wird er sich erst mal diese Beute einverleiben. Und natürlich wird es immer wieder auch Konflikte geben, weil Wölfe Haustiere angreifen. Der Anteil an Haustieren, die von Wölfen gerissen werden, ist nach neuen Erkenntnissen aber extrem gierig. In Rumänien ist die Situation ganz ähnlich. Der Schutz von Tierherden ist dort nur möglich, wenn sie vom Menschen in einer gewissen Weise bewacht oder geschützt werden. Das heißt Elektrozäune in der Nacht, Hütehunde und der Schäfer dabei oder mehr oder weniger wolfssicher eingezäunt. Sonst wird es immer Übergriffe geben. Das ist der Preis, den man in Kauf nehmen muss, wenn man mit Wölfen zusammen leben will.


Wenn er weiß, wo er zuletzt eine Herde gefunden hat, kommt er wieder zurück?
Das ist relativ wahrscheinlich. Bei Wildtieren verhält er sich ähnlich. Die wissen ganz genau: Hinten dran sind die jungen oder schwachen Tiere. Die sind leichte Beute. Sie verfolgen diese Herden und reißen fast beliebig Tiere raus. In der Konsequenz heißt das: Wenn wir in Deutschland mit dem Wolf zusammen leben wollen, müssen wir die Tiere so verwahren, dass er nicht heran kann. Schafe kann man zum Beispiel nicht mehr nachts auf der Weide grasen lassen, sondern man muss sie in einen Pferch treiben um sie zu schützen. Das haben übrigens die Menschen schon vor vielen hundert Jahren gewusst und gemacht.

Das erhöht den logistischen Aufwand für die Zucht natürlich beträchtlich.
Wenn wir Wölfe haben wollen, dann muss uns das auch etwas wert sein, zum Beispiel in Form von Ausgleichszahlungen an Tier- oder Landwirte. Oder das man Schäfern oder Rinderzüchtern finanziert, dass sie ihre Herden sicher verwahren können. Das ist unter anderem in Montana oder Idaho in den USA ganz genauso.

Wird dort ähnlich aufgeregt über den Wolf diskutiert?
Ja, das wird es. Ich war 1995 dabei, als die ersten Wölfe im Yellowstone Nationalpark wieder ausgesetzt wurden. Dort hatte man viel zu hohe Wapiti-Bestände, eine amerikanische Hirschart. Es gab außerdem noch Weißwedelhirsche und Maultierhirsche. Der Tisch war also reich gedeckt für Wölfe. Trotzdem haben die umliegenden Farmer in Idaho, Montana und Wyoming sehr emotional diskutiert. Natürlich wurden auch in den USA Stimmen laut nach dem Motto: Wer schützt unsere Kinder? Selbst dort hatte man sich sehr weit von der Tatsache entfernt, dass dort wieder Wölfe leben könnten. Die ausgesetzten Wölfe haben über die Jahre die Wapiti-Bestände ziemlich dezimiert, aber interessanterweise haben sie die Haustierbestände komplett in Ruhe gelassen, eben weil es genügend Wildtiere als Beute gab.

Mehr Wild in Deutschland würde also auch unsere Schafe schützen?
Das kann man so nicht sagen. Noch mehr Wild würde unsere Flora zum Teil gar nicht mehr verkraften. Der Wolf hält sich nur da auf, wo die Region wildreich ist. Sonst müsste der Wolf auch am Nordseedeich leben, weil er weiß: Hier leben Tausende von Schafe. Dann könnte er sich jede Nacht ein frisches Schaf holen. Aber das tut er nicht. Er zieht sich genau dahin zurück, wo er viel Wild, Deckung und Ruhe findet.

Dort hat er eine sehr wichtige Bedeutung für die Wildbestände.
Der Wolf hat momentan nur sehr lokal Einfluß auf die Wildtierbestände. Es gibt noch viel zu wenige Wölfe im Verhältnis zu den sehr vielen Wildtieren. Wenn die Population eine bestimmte Dichte erreicht, hat er schon einen gehörigen Einfluss auf die Bestände. Das polarisiert natürlich. Ich sehe durchaus in Deutschland den Konflikt zwischen Wolf und Mensch. Das ist eine alte Fehde. Kein Tier auf der Welt polarisiert so stark wie der Wolf. Sie haben immer auf der einen Seite die Wolfsverehrer, die das Tier zum Teil schon etwas über gebühr hoch stilisieren. Und es gibt die Wolfshasser. Man hat relativ wenige Menschen, die sagen: Lass uns nach Lösungen und Kompromissen suchen. Das finde ich sehr schade.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Diskussion um die Aufnahme des Wolfes ins sächsische Jagdgesetz?
Ich halte das für sehr bedenklich, weil man denke ich darauf hinaus will, den Wolf irgendwann bejagen zu können. In welcher Form auch immer. Ob durch das Aufstellen von Fallen ist oder den Abschuss oder das Auslegen von Giftködern. Warum sollte man sonst ein Tier ins Jagdgesetz aufnehmen?

Die Rede ist von einer ganzjährigen Schonfrist für den Wolf, er also praktisch nicht geschossen werden darf. Nur die sogenannten "Problemwölfe" - aber wo fängt der Problemwolf an?
Was ich letztes Jahr bei meiner Wanderung durch Deutschland gemerkt habe, egal ob im Berchtesgadener Land, dem Wattenmeer oder in der Lausitz: Nicht nur bei Jägern, sondern generell auch bei Behördenmenschen - wir Deutschen haben ein ganz großes Problem damit, wenn wir etwas nicht richtig kontrollieren können. Wenn auf einmal Tiere auftauchen, die fast wie Phantome durch unsere Lande streifen, allen voran der Wolf, aber auch zum Beispiel der Luchs, dann ist das vielen Menschen sehr suspekt, weil es schwer zu kontrollieren ist.

Wie wird sich aus ihrer Sicht die Wolfspopulation in Deutschland weiter entwickeln?
Der Bestand an Beutegreifern richtet sich immer nach dem Bestand der Beutetiere. Gibt es viele Mäuse, gibt es viele Füchse und auch viele Mäusebussarde. Die Hauptnahrung beider Tiere ist nun mal die Maus. In mäuseschwachen Jahren wird die Füchsin vielleicht genau soviel Junge bekommen, aIber sie wird womöglich nur eines groß bekommen, weil nicht genug Nahrung da ist. Letztendlich ist es beim Wolf ähnlich. In Deutschland ist die Situation aber noch etwas komplexer, weil der Wolf ein breiteres Spektrum hat an Nahrung. Er wird eigentlich immer Fressen finden. Deswegen wird er sich aus meiner Sicht noch stärker ausbreiten, aber es wird auch Grenzen geben. Dazu gehören zum Beispiel Ballungszentren oder Autobahnen, die er nicht überqueren kann. Auch die Intoleranz von Menschen in bestimmten Gebieten. Der Wolf wird also in seinen Verbreitungsgebieten nur einen begrenzten Raum haben. Ich bin auch kein Freund davon zu sagen, dass vor jeder Großstadt in Deutschland ein Wolfsrudel leben muss. Das würde zu so vielen Irritationen und so einer Aufruhr führen, dass es dem Wolf nicht gut tun würde. Aber in bestimmten Gebieten passt er durchaus wieder in unser Land.

Zur Person: Andreas Kieling
Kieling ist seit 18 Jahren Naturfilmer und hat unter anderem 14 Jahre in Alaska gelebt. Geboren 1959 in Gotha, flüchtete er 1976 über die Tschechoslowakei und Österreich nach Westdeutschland. Von 1980 bis 1983 absolvierte er eine Ausbildung zum Forstwirt in verschiedenen norddeutschen Forstämtern und legte 1985 das Examen zum Revierjagdmeister ab. 1991 beschloss er nach mehreren längeren Auslandsaufenthalten, das Gewehr mit einer Filmkamera zu tauschen und startete eine Karriere als Dokumentarfilmer. Für seinen Film "Abenteuer Yukon - Der lange Weg zum Eismeer" erhielt er 2008 den "Panda Award", quasi den "Oscar" für Naturfilmer.


Der zweite Teil von "Kielings wildes Deutschland" läuft am Sonntagabend um 19.30 Uhr im ZDF. Den ersten Teil gibt es noch in der ZDF-Mediathek. Zur TV-Sendung ist auch das Buch "Durchs wilde Deutschland" im Malik-Verlag erschienen.