Das Atlantische Bündnis könnte sich eignen, um zwischen Kriegs-Gegnern und Alliierten Brücken zu bauen. Die Idee ist seit einem Besuch von US-Außenminister Colin Powell am Nato-Sitz Anfang April im Umlauf. Auch Frankreich und Deutschland können dem etwas abgewinnen. Der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck sagt, es gebe "keine konkreten Pläne, (deutsche) Soldaten in den Irak zu schicken". Zugleich bestätigt das Berliner Verteidigungsministerium jedoch, dass die Nato einen Prüfantrag über die Entsendung von Truppen erhalten soll. Die französische Regierung, die noch vor Wochen alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um den Irak-Krieg zu verhindern, spricht seit dem Fall von Bagdad mit Vorliebe von "Pragmatismus" für das weitere Vorgehen.
Nato-Diplomaten weisen darauf hin, dass bislang noch kein Land des Bündnisses einen gemeinsamen Einsatz im Nachkriegs-Irak ausgeschlossen hat. Das diplomatische Räderwerk läuft auf Hochtouren. In dieser Woche startete Warschau einen Versuchsballon und regte an, Dänen und Deutsche sollten sich an einem Einsatz im geplanten polnischen Sektor im Irak beteiligen. Die Bundesregierung wurde erst ins Vertrauen gezogen, als die Idee schon an die Öffentlichkeit gegeben worden war - prompt handelten sich die Polen eine Ablehnung durch Struck ein.
Unterdessen bemüht sich die Bundesregierung ihrerseits, die Verhandlungen im UN-Sicherheitsrat zu erleichtern. "Wir werden versuchen, alle Interessen unter einen Hut zu bringen", sagte die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Kerstin Müller. Sobald in der Uno Einigkeit erreicht wird, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass der Nato operative Bedeutung zufällt. Frankreich sei bereit, "eine Einbeziehung der Nato wohlwollend zu prüfen", sobald diese "in den Rahmen der Vereinten Nationen" eingespannt sei, erklärte der französische Außenminister Dominique de Villepin.
Schon vor Wochen hat die Regierung in Paris einen großen Schritt auf die Position Washingtons zu getan, indem sie eine Aussetzung der UN-Sanktionen gegen Irak vorschlug. Die USA würden das Image der Besatzungsmacht los, wenn die Sanktionen beseitigt und mit internationalem Einverständnis ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen sowie eine multinationale Friedenssicherung mit UN-Mandat eingeleitet würde. Kriegs-Gegner wie Frankreich und Deutschland hätten eine Möglichkeit, sich wieder aktiv in den Lauf der Dinge einzuschalten. "Es gibt sehr aktive Gespräche", sagt ein hochrangiger Nato-Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden möchte. Vorerst spiele sich das meiste auf bilateraler Ebene ab. Es gebe "keine gemeinsame Position".
Die derzeit unter Führung der USA und Großbritanniens geführten Gespräche über eine Stabilisierungstruppe im Irak, die ohne Uno- und Nato-Beschlüsse agieren soll, will der Nato-Generalsekretär nicht näher kommentieren. Robertson gestand den einbezogenen Staaten das Recht zu, "ihre eigenen Entscheidungen zu treffen". Das Spektrum der Szenarien dafür ist groß. Im Minimal-Fall würde die Nato der multinationalen Stabilisierungstruppe schlichte Planungshilfe leisten. Im Maximal-Fall würde sich das Brüsseler Bündnis ganz offiziell einschalten.