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| 01:00 Uhr

Nächte der Gewalt in Pariser Vororten

Die französische Regierung bekommt die Krawalle in den Pariser Vorstädten nicht in den Griff: Zum siebten Mal in Folge lieferten sich mit Steinen und Molotow-Cocktails bewaffnete Jugendliche in der Nacht von Mittwoch zu gestern nächtliche Straßenschlachten mit der Polizei. Nach einer gestern Nachmittag vorgelegten Bilanz der Behörden wurden 270 Autos in Brand gesetzt. Dabei waren auch immer mehr Vororte westlich der Hauptstadt betroffen. Premierminister Dominique de Villepin berief mehrfach Krisensitzungen ein und nannte die Krawalle „inakzeptabel“. Der Staat werde der Gewalt „nicht nachgeben“. Von Reinolf Reis

Zwischen Paris und seinen bescheidenen Vorstädten liegen nur wenige Kilometer Luftlinie - und doch Welten. Ratlos blickt die französische Metropole auf den Flächenbrand der Gewalt, der sich ringsum auszubreiten scheint. Ausgelöst wurden die Krawalle durch den Tod zweier Jugendlicher, die vor der Polizei fliehen wollten und in einer Umspannanlage durch Starkstromschläge starben. Innenminister Nicolas Sarkozy sieht hinter den seit Nächten brennenden Autos und den Straßenschlachten mit der Polizei Kriminelle, die sich der Staatsgewalt widersetzen wollen. Seine harte Linie sorgt auch im Regierungslager für Murren.
Dass die Trabantenstädte der "Île de France" keine Inseln der Seligen sind, ist keine Neuigkeit. Die Sozialbauviertel wurden in den 60er- und 70er-Jahren eilig hochgezogen, um billige Arbeitskräfte in der Nähe der Hauptstadt anzusiedeln. Längst sind daraus wahre Ghettos geworden, in denen Einwanderer vor allem aus arabischen Staaten und Schwarzafrika wohnen. Die Boomjahre sind Vergangenheit, die Arbeitslosenrate liegt doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt.

Klagen über rechtsfreie Räume
Flanieren in den gutbürgerlichen Vororten im Westen von Paris häufig freundliche Wachtmeister über die Bürgersteige, so lassen sich in den armen Wohngegenden kaum Beamte sehen. Die Viertel sind oft sich selbst überlassen. Viele Bewohner beklagen rechtsfreie Räume, andere arrangieren sich wohl oder über mit den Kleinkriminellen und Verbrechern, die das Sagen haben. Der Rest des Landes schaut weg - bis er mit der Nase auf die schwer wiegenden sozialen Probleme gestoßen wird, wie derzeit.
Der Fall der beiden Jungen ist angetan, die Mauer der Gleichgültigkeit zu durchbrechen: Ziad, dessen Familie aus Tunesien stammt, wurde bloß 17 Jahre alt. Er starb wie sein Kumpel, der 15-jährige Banou aus Mali. Beide wollten im Vorort Clichy-sous-Bois der Polizei entwischen; die hatte allerdings längst ihre Verfolgung aufgegeben, wie ein mit den beiden getürmter und durch den Strom schwer verletzter Türke der Staatsanwaltschaft sagte. Wer für die Toten verantwortlich ist, soll eine Untersuchung klären - und dies so schnell wie möglich, wie Staatschef Jacques Chirac nach tagelangem Schweigen forderte.
Der Kern des Problems liegt viel tiefer, wie Chirac offenbar mit Blick auf seinen mit Stammtischparolen auftretenden Innenminister und internen Rivalen Sarkozy herausstellte: "Jeder muss das Gesetz beachten, jeder muss seine Chance haben." Dazu soll die bürgerliche Regierung innerhalb eines Monates neue Vorschläge vorlegen. Für Chancengleichheit gibt es eigens einen Beigeordneten Minister, Azouz Begag. Der sagte der Regionalzeitung "Sud Ouest", er habe Sarkozy einmal 20 Minuten lang von Jungen berichtet, die sich durch die Polizei diskriminiert fühlten. "Ich warte immer noch auf die Antwort."

Kritik an "kriegerischer Rhetorik"
Der studierte Soziologe Begag traute sich, öffentlich Sarkozys "kriegerische Rhetorik" anzuprangern. Schließlich fordert der konservative Innenminister und Chef der Regierungspartei UMP, der 2007 Präsident werden will "null Toleranz" gegenüber Gewalttätern, die für ihn "Schurken" und "Pack" sind. In einem Interview schlug er vor, "Gewaltprobleme bei den Jüngsten" sollten schon ab dem Kindergarten entdeckt werden.
Nicht nur "Le Monde" hält Sarkozy vor, zwischen Biedermännern und Brandstiftern seien die Grenzen fließend. Die linke "Libération" sieht den wahren "Bandenkrieg" innerhalb der Regierung. Und die kommunistische "Humanité" bezeichnet Sarkozy gar als "Brandstifter" und wirft ihm vor, mit seinen Äußerungen die Gewalt nicht zu bekämpfen, sondern erst zu provozieren.