Das Bild, das die Labour-Politikerin Emily Thornberry auf Twitter verschickte, sprach Bände. Ein englisches Reihenhaus, geschmückt mit weiß-roten England-Fahnen und einem weißen Kleinlaster vor der Tür. "Ein Bild aus Rochester", überschrieb sie ihren Twitter-Tweet und überschüttete damit die Ukip-Wählerschaft mit leisem Spott. Es war ein Bild aus der Stadt, die gerade als zweite in Großbritannien mehrheitlich einen Mann der rechtspopulistischen UKIP zu ihrem Wahlkreisabgeordneten gemacht hat.

Im politischen London sorgte neben dem Wahlsieg des Ukip-Kandidaten Mark Reckless auch der Tweet am Freitag für mächtig Furore. Das Bild macht für viele deutlich, wo das Problem der politischen Klasse in Großbritannien liegt: Die etablierten Parteien - die sozialdemokratische Labour-Partei genauso wie David Camerons Tories - haben die Bodenhaftung verloren, vor allem aber die Bindung zur weißen Arbeiterklasse. Die Labour-Politikerin sei ein "Snob", ließ der Hausbewohner Dan Ware denn auch umgehend über das Massenblatt "The Sun" verlauten. Sie musste sich umgehend entschuldigen und ihre Funktion im Schattenkabinett niederlegen.

Der "White Van Man" - meist Handwerker ohne richtige Ausbildung, die mit ihrem Kleinlaster unterwegs sind und alle möglichen Arbeiten verrichten - steht auf der Insel beinahe sprichwörtlich für diese Bevölkerungsschicht. Sie fühlt sich von den Parteien verraten. Das von Cameron und seinem Finanzminister George Osborne propagierte Wirtschaftswunder kommt beim kleinen Mann nicht an.

Camerons Tories haben deshalb das Image arroganter Lackaffen aus Eliteschulen, die nicht einmal wissen, was ein Liter Milch im Laden kostet. Und Labour schafft es seit Tony Blairs Ruck zur Mitte nicht mehr, die klassische Arbeiterschaft zu vertreten. Ukip, mit seinem stets Bier trinkenden Vorsitzenden Nigel Farage an der Spitze, ist für viele der Heilsbringer.

Das Problem für Cameron: Er schafft es bisher nicht, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Er wolle "sein letztes Hemd" in den Ring werfen, um den Wahlkreis Rochester und Strood für die Konservative Partei zu halten, hatte Cameron im Vorfeld der Abstimmung gesagt. Das letzte Hemd stellte sich als zuwenig heraus. Nach der Niederlage erklärte er trotzig, die Tories wollten den Wahlkreis bei der Parlamentswahl im Mai zurückholen.

Das werden sie wohl müssen, will Cameron Premierminister bleiben. Die Wahlforscher sehen den Ausgang des in weniger als einem halben Jahr bevorstehenden Urnengangs als völlig unvorhersehbar an. Niemand weiß heute, ob sich Ukip, die programmatisch fast ausschließlich auf Ausländer- und EU-Politik setzt - über die nächsten Monate auf der Erfolgswelle halten kann.
Parteichef Nigel Farage hält seine Partei zumindest für in der Lage, eine "einflussreiche Kraft" in der britischen Politik zu werden. Cameron schloss schon einmal vorsichtshalber eine Zusammenarbeit mit den Rechtspopulisten nach der Wahl nicht grundsätzlich aus. Denn Wahlforscher sehen es als praktisch sicher an, dass es für keine der großen Parteien zu einer absoluten Mehrheit reichen wird.

Der bisherige liberaldemokratische Koalitionspartner Camerons unter Parteichef Nick Clegg verliert zunehmend an Konturen. Der Einfluss der stärker werdenden schottischen Nationalpartei (SNP) auf Labour-Mandate ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor.

Vor allem scheint jedoch die Strategie Camerons nicht aufzugehen, Ukip-Wähler zurückzugewinnen, indem sich die Konservativen thematisch an die Rechtspopulisten annähern - das fischen am rechten Rand will nicht klappen. "Wenn wir alle anfangen zu erklären, wie schlau Herr Farage ist, dass er endlich das Problem der Migration angeht, dann wundert es mich nicht, dass zornige, enttäuschte protestierende Menschen rausgehen und Farage wählen", sagte der frühere Tory-Justizminister und innerparteiliche Cameron-Kritiker Ken Clarke.

Farage ist sich sicher, dass weitere Tory-Abgeordnete ihr Heil bei Ukip suchen - einfach deswegen, weil sie glauben, ihren Job auf diese Weise sichern zu können. Camerons Job wird es sein, diese Entwicklung aufzuhalten. Die Taktik dafür will er trotz zweier herber Niederlagen offenbar nicht wechseln. Für die nächsten Wochen kündigte er bereits eine Grundsatzrede zum Thema "Migration" an.