Leben herrscht in dieser Nacht nur am Strausberger Torturm. Aus dem Innern des 22 Meter hohen, und aufgrund seiner Dauerbewohner ,,Storchenturm" genannten, Feldsteingemäuers tritt ein kräftiger Mann im Nachtwächtergewand vor eine Besuchergruppe.

Er trägt einen schwarzem Umhang, Hut und Laterne. Kräftig bläst er in sein Horn und ruft ,,Hört, ihr Leute, lasst euch sagen, unsere Uhr hat zehn geschlagen!" Während Nachtwächter im Mittelalter dafür sorgten, dass kein Brand und Diebstahl unentdeckt blieb und sich mit der Zeitansage bemerkbar machten, ist Horst Hildenbrand in diese historische Rolle geschlüpft, um seinen Gästen auf originelle Art die kleine Stadt zu zeigen. Am kommenden Freitag beginnt für ihn die Hauptsaison.

Der 68-Jährige trägt ein eigenes Gedicht über den 780 Jahre alten Ort vor, um dann mit der Gruppe durch Straßen und Gassen zu ziehen. An diesem Abend liegen der Marktplatz, die Apotheke mit Synagogenraum, die fast vollständig erhaltene Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert und das ehemalige Armenhaus auf der Route. Den Spaziergang spickt der Nachtwächter mit Anekdoten rund um das ehemalige Ackerbürgerstädtchen mit heute rund 4800 Einwohnern.

Stadtsprecher Kurt Heidemann hatte Hildenbrand 2005 gebeten, das Amt zu übernehmen. ,,Viele Besuchergruppen fragen gezielt nach den Führungen", sagt Heidemann. Nicht nur Touristen aus Berlin und Brandenburg zählten dazu, sondern auch Brautleute oder Jubilare.

,,Alles, was sich von klassischen Touren abhebt, wird besonders gern gebucht", weiß auch Ulrike Bergmann von der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH. So zeige etwa der Sprachforscher Konrad Büchner seinen Gästen beim ,,Theatralischen Stadtspaziergang" in Belzig (Potsdam-Mittelmark) überraschende Orte und romantische Winkel und unterhalte sie mit Sagen, Anekdoten und schaurigen Geschichten.

Was sich in den Gassen von Nauen (Havelland) einst zugetragen hat, erfahren die Gäste von der Botenfrau beim ,,Nauener Stadtgeflüster". Ein Lottospiel wiederum veranstaltet Annette Schlimm beim ,,spielerischen Spaziergang" durch Ziesar.

In Brandenburg gebe es zudem weitere Nachtwächter, erklärt Horst Hildenbrand. Der frühere Mitarbeiter einer Computerfirma hat sich Ideen beim Nachtwächter Frank Selbitz in Lübben (Dahme-Spreewald) geholt. Dieser kooperiert in der Spreewaldstadt mit Spreewald-Christl und Pfarrwitwe Sabina Fromm, die auch tags unterwegs sind.