So dürfen Reiseführer mit Urlaubern nicht mehr über Politik diskutieren.

Russland hat Reisenden viel zu bieten. Natur, Geschichte, Kunst, aber auch Abenteuer und Kurioses beherbergt es im Überfluss. Dennoch ist der eurasische Kontinent für Europäer nie zu einem klassischen Reiseland geworden. Gerade mal drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erwirtschaftet die russische Tourismusbranche.

In der Zeit des Kommunismus waren es ideologische Gegensätze, die nur überschaubare Touristenströme zuließen. 2014 hat Russland die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim besetzt und liefert sich in der Ostukraine Gefechte mit ukrainischen Truppen. Und so behindert rund ein Vierteljahrhundert nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erneut die Politik den Ausbau des ausländischen Tourismus.

Während in den beliebten Urlaubsorten Südeuropas Umweltbelastungen, Platz- oder Wassermangel der Reisebranche Probleme bereiten, müssen Russlands Touristiker sich gegen Unwägbarkeiten feien, die von spontanen Entscheidungen der politischen Führung verursacht werden. Reiseveranstalter haben ein anderes Verständnis von Geopolitik als die Regierenden im Kreml.

Zurzeit wirbt die Reisebranche um jeden ausländischen Gast. Im ersten Jahr der Ukraine-Krise 2014 kamen rund 40 Prozent weniger Touristen als im Vorjahr. Jahrelang gehörten die Deutschen zu den fleißigsten Russlandbesuchern, inzwischen haben sie die Rolle jedoch an die Chinesen abtreten müssen. Mit 349 000 machten 2014 acht Prozent Deutsche weniger Urlaub in Russland als noch 2013. Auch Österreicher und Schweizer kamen seltener.
Russische Reiseveranstalter malten auf der Internationalen Tourismusbörse 2015 ein noch trüberes Bild: Demnach sei die Hälfte der früheren Russlandreisenden weggebrochen.
Zum Vergleich: 2013 besuchten 18,4 Millionen Touristen Russland und gaben neun Milliarden Euro aus. Im selben Zeitraum hielten sich in Spanien 61 Millionen Gäste auf, die 50 Milliarden Euro im Land ließen.

Auf dem Travel and Tourism Competitiveness Index (TICI), der die Wettbewerbsfähigkeit von 141 Staaten vergleicht, bekleidet Russland keinen rühmlichen Platz. In der Kategorie "Offenheit" belegt es Rang 120. Kulturelles und historisches Erbe werden unterdessen mit Platz 21 bewertet. Die Verschlossenheit gegenüber ausländischen Gästen dürfte jedoch aktuell noch zunehmen - ein weiteres Ergebnis der verhärteten politischen Fronten durch den Krieg in der Ukraine.
Ein Beispiel für das oft gegenseitige, neue Misstrauen zwischen Russen und ihren Gästen aus dem Westen: Auf den beliebten Dampferrouten die Wolga entlang griffen die Veranstalter schon zu rigiden Maßnahmen. Auf den Schiffen ordneten sie an, die Nachrichtenkanäle abzuschalten. Reiseleileiter wurden angewiesen, sich mit Gästen aus dem Westen nicht auf Diskussionen einzulassen, berichtete die Zeitung "Sobesednik”.

Dabei begegneten die russischen Gastgeber auslän dischen Besuchern bislang ohne größere Vorbehalte. "Wir können über ausländische Touristen kaum klagen", meint die Moskauer Reiseleiterin Valentina Rubzowa. "Sie treten bei uns einfach nicht in Kohorten auf, die sie unverkennbar als Vertreter einer bestimmten Nation kennzeichnen würden", sagt sie. Italiener seien gelegentlich etwas unzuverlässig, Spanier etwas geräuschvoller. Eine gewisse Zeit seien Engländer verschrien gewesen, gesteht die Reiseleiterin. Lärmende einheimische Touristen hätten ihnen aber längst den Rang abgelaufen.

Russland will den Verlust an Westtouristen durch Besucher aus Asien ausgleichen. Erholungsgebiete wie Sotschi träumen von Heerscharen chinesischer Gäste, auch begüterte Inder und Perser aus Iran stehen auf der Wunschliste. Die Tourismusbranche vollzieht den "Schwenk Richtung Asien" nach, den Präsident Wladimir Putin der Wirtschaft schon verordnet hat.

2014 kamen noch 410 000 Touristen aus China. Im ersten Quartal dieses Jahres stieg nach offiziellen Angaben die Zahl um das 2,5-Fache. Ab September soll es aus der Olympiastadt Sotschi Direktflüge nach China geben. Die neuen Flugverbindungen bieten den Völkern die Chance, einander näherzukommen: Das Verhalten chinesischer Reisegruppen, die sich oft allein an Bord wähnen, entspricht selten den Vorstellungen des russischen Flugpersonals.