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Nach Nato und Russland übt jetzt Polens Militär

Granaten explodieren am 20.09.2017 in Borissow (Weißrussland) während des russisch-weißrussischen Manöver „Sapad“. (
Granaten explodieren am 20.09.2017 in Borissow (Weißrussland) während des russisch-weißrussischen Manöver „Sapad“. ( FOTO: Sergei Grits (AP)
Warschau/Moskau. Die Reihe der militärischen Großmanöver in Osteuropa nimmt kein Ende. Kaum ist die umstrittene "Sapad"-Übung der Russen beendet, beginnt Polen eine eigene. Unter dem Titel "Dragon" sind 17 000 Soldaten im Einsatz. bob/mit dpa

Es ist ein Muskelspiel, in dem keiner zurückstehen will. Gegenseitig zeigen sich Natostaaten und Russland derzeit ihre militärische Potenz. Jüngster Akt des osteuropäischen Manöver-Theaters: In Polen hat am Mittwoch in der Nähe von Warschau die Militärübung "Dragon" mit 17 000 Soldaten begonnen. Land-, Luft- und Seestreitkräfte sowie Polens neue Territorialverteidigung üben bis zum 29. September an verschiedenen Orten des Landes die Abwehr eines gegnerischen Angriffes. Einheiten aus elf weiteren Staaten beteiligen sich an dem Manöver, unter anderem aus den USA, Großbritannien, Italien und der Ukraine. Auch 95 Soldaten der Bundeswehr nehmen an der Übung teil.

Das Szenario der Übung gehe davon aus, dass ein Nachbarland versuche, ein Gebiet Polens unter Kontrolle zu bringen, "auch durch hybride Aktivitäten", sagte Michal Dworczyk, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, der polnischen Nachrichtenagentur PAP. Es basiere auch darauf, was "wir unter anderem in der Ukraine während der Annexion der Krim oder des Angriffs der Russischen Föderation auf den Donbass" gesehen haben, erklärte Dworczyk.

Er stellte aber auch klar, dass "Dragon" nicht als Antwort auf das am Mittwoch beendete russisch-weißrussische Manöver "Sapad" zu verstehen sei.

Den Eindruck kann man allerdings leicht gewinnen. Denn wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt haben russische und weißrussische Kräfte genau das entgegen gesetzt Szenario geprobt. Bei dem Manöver mit offiziell 12 700 Soldaten hatten Russland und Weißrussland seit dem 14. September die Abwehr eines Nato-Angriffs geübt. In Polen und im Baltikum hatte die Truppenkonzentration an ihren Grenzen Besorgnis ausgelöst. Auch gab es von Seiten der Nato Vorwürfe, es seien tatsächlich weit mehr Soldaten eingesetzt worden. Bis zu 100 000 sollen es gewesen sein. US-Militärexperten hatten die Befürchtung geäußert, dass die Truppen zudem nach dem Manöver in Grenznähe stationiert bleiben könnten. Russland bestreitet dies.

Am letzten Tag der Übung inspizierte Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko seine Truppen. "Wir haben gezeigt, dass die Streitkräfte Weißrusslands und Russlands die Interessen unserer Staaten verteidigen können", sagte er nach dem Manöverbesuch nahe der weißrussischen Stadt Borissow. Alle russischen Soldaten würden in ihr Land zurückkehren, bekräftigte Lukaschenko.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte "Sapad" (Westen) am Montag in der Nähe von St. Petersburg besichtigt. Überschattet wurde die Übung von mehreren Unfällen. Bei Murmansk in Nordrussland verunglückte am Dienstag eine Kolonne mit dem Kommandeur der russischen Fallschirmjäger, Andrej Serdjukow. Der General wurde dabei schwer verletzt, der Fahrer eines zivilen Pkws kam ums Leben.

Auf dem Übungsgelände bei St. Petersburg traf ein Kampfhubschrauber zwei Tage vor Putins Besuch versehentlich einen leeren Lastwagen in der Nähe ziviler Zuschauer, wie russische Medien berichten. Zu Beginn des Manövers war ein russischer Langstreckenbomber Tupolew Tu-22 bei einer Bruchlandung beschädigt worden. Die Besatzung konnte sich unverletzt retten.

Im Sommer hatten die Nato und die seit diesem Jahr neu in Osteuropa eingesetzten US-Panzer-Truppen ihre Schlagkraft in der Großübung "Saber Guardian" demonstriert. Auch hier war das Szenario ähnlich: Ein Angriff aus östlicher Richtung auf das Nato-Gebiet sollte abgewehrt werden. Zahlreiche weitere Übungen, so etwa der russischen und chinesischen Marine in der Ostsee halten die Region seit Monaten in Atem. In den baltischen Staaten wächst die Sorge vor russischen Aggressionen. Gleichzeitig sieht Russland die - auf Wunsch der Osteuropäer erfolgten - amerikanischen Truppenverlegungen nach Polen und ins Baltikum als Provokation.