Bevor Nasih al-Rukai (49), alias Abu Anas al-Libi, von einem US-Sondereinsatzkommando verschleppt wurde, führte er ein ruhiges Leben in einem Mittelklasse-Viertel von Tripolis. Dass der mutmaßliche Al-Qaida-Terrorist nach mehreren Jahrzehnten im Dienste des globalen "Dschihad" in sein Heimatland Libyen zurückgekehrt war, blieb zwar nicht lange geheim. Doch von den lokalen Sicherheitskräften hatte er nicht viel zu befürchten. In Tripolis wurde nicht gegen ihn ermittelt. Zwischen Libyen und den USA besteht kein Auslieferungsabkommen.

Der libysche Computer-Spezialist, der zur ersten Generation der Al-Qaida-Terroristen um Osama bin Laden gehört haben soll, traf deshalb keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Er kehrte gerade im Auto vom Morgengebet in der Moschee zurück, als ihn die Amerikaner vor dem Haus der Familie überwältigten.

Seine Ehefrau beobachtete die Operation, die blitzschnell vorüber war, aus dem Fenster. Bis jetzt ist nicht klar, ob und wie viel die libysche Regierung von den Plänen der Amerikaner wusste.

Die Frage ist heikel. Zwar hegen nur wenige Libyer Sympathien für das Terrornetzwerk Al Qaida. Doch die Tatsache, dass ausländische Geheimdienstagenten am helllichten Tag in der Hauptstadt einen Mann entführen und außer Landes bringen, geht vielen von ihnen trotzdem gegen den Strich. Der Auswärtige Ausschuss des Übergangsparlaments spricht von einer "eindeutigen Verletzung der Souveränität des libyschen Staates".

Im Internet wurde im Namen einer Gruppe namens "Revolutionäre von Bengasi, Al-Beidha und Derna" eine in drohendem Ton formulierte Erklärung zu dem Vorfall veröffentlicht. Darin beschimpfen militante Islamisten aus dem Osten Libyens die Mitglieder der Regierung von Ministerpräsident Ali Seidan als "Landesverräter, die Teil einer Verschwörung sind".

Seidan, der früher im Exil in Deutschland lebte, sitzt ohnehin auf einem der schwierigsten Posten, die derzeit in der arabischen Welt zu haben sind. Denn die Umwandlung der Diktatur des so grausamen wie bizarren Herrschers Muammar al-Gaddafi in eine halbwegs funktionierende Demokratie ist eine Mammutaufgabe.

Die neue Regierung hat dabei nicht nur gegen Unerfahrenheit und das Beharrungsvermögen der übriggebliebenen Gaddafi-Apparatschiks zu kämpfen, sondern auch gegen machtbewusste Milizionäre, die nach der Revolution keine Lust hatten, ins zivile Leben zurückzukehren. Die neuen Sicherheitskräfte gelten als schwach. Vor allem in den östlichen Städten Bengasi und Misrata hat die Staatsmacht wenig zu melden.

Schmuggler und radikale Islamisten exportieren ungehindert Raketen aus den Beständen der Revolutionsbrigaden und der alten Gaddafi-Armee über die Grenze nach Ägypten.

Es vergeht kein Monat ohne ein Attentat auf einen Angehörigen der Sicherheitskräfte. Sicher hätten die Amerikaner Abu Anas auch mit einer Kampfdrohne töten können. Doch dabei wären vermutlich weitere Menschen gestorben, was Seidans Regierung in noch größere Bedrängnis gebracht und das bilaterale Verhältnis nachhaltig belastet hätte.

Außerdem könnte der mutmaßliche Terrorist, sollte er aussagen, eine wertvolle Informationsquelle für den US-Geheimdienst sein. Ob Al-Libi, der 2011 im Kampf gegen die Gaddafi-Truppen einen Sohn verlor, zuletzt noch operativ an Terroraktivitäten beteiligt war, oder ob er in Tripolis sozusagen seinen "Ruhestand" genießen wollte, ist noch nicht klar.

Hinweise darauf, dass er an der Planung des Angriffs auf das US-Konsulat in Bengasi im September 2012 beteiligt war, gibt es bislang nicht.