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Nach Jahren endlich wieder schlucken und essen

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Cottbus. Durch Kehlkopfkrebs hat Udo Bauer seine Stimme verloren, und erst dank einer risikoreichen Operation kann der 67-Jährige heute wieder passierte Nahrung zu sich nehmen. Michèle-Cathrin Zeidler

Udo Bauer konnte über vier Jahre lang nicht schlucken. An seinem Hals zeigte sich eine faustgroße Fistel - ein Loch. Trinken und Essen waren für den 67-Jährigen unmöglich. "Selbst der Speichel gelangte nicht mehr in die Speiseröhre und musste mit Hals-Verbänden dauerhaft kontrolliert werden", erinnert sich Dr. med. Carsten Ruttig, Chefarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichts- / Rekonstruktive Chirurgie im Carl-Thiem-Klinikum Cottbus, an den außergewöhnlichen Zustand seines Patienten.

Doch wie konnte es so weit kommen? Im Januar 2013 wurde bei Udo Bauer Kehlkopfkrebs diagnostiziert. "Der Tumor wurde dann in einem anderen Krankenhaus operativ entfernt, inklusive einer postoperativen Radiochemotherapie", berichtet der Chefarzt. Doch die Behandlung verlief nicht ohne Komplikationen. "Es bildete sich eine Fistel, also ein sechs Zentimeter langes und drei Zentimeter breites Loch im vorderen Halsbereich, das das Schlucken unmöglich machte", so der erfahrene Mediziner.

Bis Mai 2013 unternahmen Kollegen auswärts drei Rekonstruktionsversuche - immer ohne Erfolg. Die Transplantate aus körpereigenem Gewebe aus dem Brustbereich und dem Unterarm wurden zum Teil abgestoßen, zum Teil vernarbten sie in ungünstiger Position ohne echten Verschluss der Fistel. Es gelang den Medizinern nicht, die Speiseröhre zu rekonstruieren und den Defekt am Hals von Udo Bauer zu schließen. "Die Fistel stabilisierte sich in einem chronisch-vernarbenden Prozess über mehrere Monate", sagt Carsten Ruttig. Mit einer Magensonde wurde Udo Bauer schließlich nach Hause geschickt.

Damit hatte der Eisenhüttenstädter durch den Kehlkopfkrebs nicht nur seine Stimme verloren, er konnte darüber hinaus nicht mehr schlucken, nicht mehr trinken und nicht mehr essen. "Das war natürlich eine erhebliche Belastung für ihn und bedurfte einer aufwendigen häuslichen Pflege", weiß Carsten Ruttig.

Im März 2017 stellte sich Udo Bauer schließlich im CTK vor. "Er war schon ein absoluter Grenzfall und seine Behandlung eine hochkomplexe Angelegenheit", ordnet der Chefarzt den Fall ein. "Um die Schluckfunktion wieder herzustellen, mussten wir eine risikoreiche Operation durchführen." Wäre ihm dieser Eingriff nicht gelungen, hätte es nur noch eine Option gegeben - das komplette Versiegeln von Fistel und Speiseröhre. Damit hätte Udo Bauer nie wieder schlucken können.

"In einer mehr als zehnstündigen Operation haben wir also zunächst alle vernarbten Gewebeanteile und Reste von ehemaligen Transplantaten entfernt und um die Fistel herum das nicht mehr erhaltungsfähige Gewebe entfernt", erklärt der Experte. Anschließend wurde aus einem Transplantat aus dem Unterarm von Udo Bauer eine Speiseröhre geformt und an den Halsgefäßen an den Blutkreislauf angeschlossen. Ein weiteres Transplantat aus seinem Oberschenkel wurde über die neue Speiseröhre gelegt und mit den Gefäßen unterhalb des Schlüsselbeines verbunden. Spannend waren danach insbesondere die ersten drei Tage - in dieser Zeit treten nämlich die häufigsten Komplikationen auf, und es entscheidet sich, ob der Körper das Transplantat annimmt.

Zwar musste bei Udo Bauer am 5. April noch eine Wundheilungsstörung lokal versorgt werden, aber ansonsten verheilte das Operationsgebiet gut. "In einem weiteren minimal-invasiven Eingriff haben dann im Rahmen der interdisziplinären Zusammenarbeit unsere Kollegen der Gastroenterologie einen Stent zur Stabilisierung in der neuen Speiseröhre eingesetzt", sagt Carsten Ruttig. Anfang Mai konnte Udo Bauer schließlich aus dem Krankenhaus entlassen werden und mit dem Schlucktraining in der Logopädie beginnen. "Er musste erst wieder ein Gefühl für das Schlucken entwickeln und auch die Angst davor ablegen", klärt der Chefarzt auf.

Heute hat sich Udo Bauer zwei Drittel seiner früheren Schluckleistung zurückerkämpft: "Natürlich kann er aktuell noch keine komplette Nahrungsaufnahme realisieren, aber passierte und angepasste Kost sind nur der Anfang." In einigen Wochen soll schließlich die noch unterstützende Magensonde entfernt werden.

Trotz all dieser Fortschritte: Sprechen kann der 67-Jährige bis heute nicht. Dafür müsste er eine Stimmprothese eingesetzt bekommen. "Noch ist das nicht möglich", erklärt Carsten Ruttig. Erst einmal muss die Region auch in tiefen Gewebsschichten richtig verheilen und ausreifen. "Ein Jahr nach der Operation werden wir uns noch einmal mit der HNO-Abteilung beraten und dann die Möglichkeiten der Stimmrehabilitation ausloten."

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Zum Thema:
P Plastische Chirurgie (von griechisch: plattein - bilden) ist eine Chirurgie, die aus funktionellen oder ästhetischen und kosmetischen Gründen formverändernde oder wiederherstellende Eingriffe an Organen oder Gewebeteilen vornimmt. Hauptsächlich beschäftigt sie sich mit dem sichtbaren Teil des Körpers. Das Ziel der Plastischen Chirurgie ist es, die Körperform und sichtbar gestörte Körperfunktionen wiederherzustellen oder zu verbessern. In der Rekonstruktiven Chirurgie hingegen geht es um die Wiederherstellung von Form und Funktion nach Unfällen oder Tumoroperationen sowie um die Korrektur von angeborenen Fehlbildungen.