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Nach Hurrikan mindestens dreißigtausend Menschen in höchster Not

Washington. Ric Saldivar glaubt, dass sechs vermisste Verwandte nicht mehr am Leben sind. Als die Fluten am Sonntag den Gedanken an Flucht nahelegten, hatte er noch Kontakt zu seinem Bruder Sammy. Er habe, erzählt Ric Saldivar dem Lokalsender KTRK, dem Bruder geraten, das Haus zu verlassen und seine vier Kinder zusammen mit seinen Großeltern in einen Lieferwagen zu setzen. Frank Herrmann

Sie sollten sich in Sicherheit bringen, irgendwo auf höhergelegenem Gelände im Nordosten Houstons.

Eine überflutete Stelle auf dem Green River Drive habe Sammy bereits passiert, danach sei er über eine Brücke gefahren, an deren Ende aber sei das Wasser dermaßen rasant gestiegen, die Strömung so stark, dass es das Auto weggerissen habe. Sammy habe sich durch ein halb geöffnetes Fenster retten können, sagt sein Bruder. Verzweifelt habe er noch versucht, die Tür des Lieferwagens zu öffnen. Vergebens. Vier Kinder, glaubt Ric, seien in dem Auto ertrunken, Devy, 16, Dominic, 14, Xavier, 8, und Daisy, 6. Dazu Bedia und Manuel Saldivar, Sammys Großeltern. Ein Sprecher des Sheriffs von Harris County, des Verwaltungsbezirks, zu dem Houston gehört, lässt indes alles offen. Es seien keine Leichen geborgen worden, von dem Lieferwagen fehle jede Spur. "Wir werden warten müssen, bis das Wasser wieder sinkt."
Rechnet man die sechs dazu, sind bisher zehn Menschen der Sintflut zum Opfer gefallen, die Houston in eine Seenlandschaft verwandelt hat. Jeder weiß, es ist nur eine vorläufige Zahl. Niemand kann sagen, wie viele Ertrunkene noch aus den von den Wassermassen weggespülten Autos geborgen, wie viele Leichen noch aus Häusern geholt werden, deren Erdgeschosse komplett in der graugrünen Brühe versanken.

Nach Schätzung der Behörden sind mindestens dreißigtausend Menschen in höchster Not geflohen, die meisten gerettet von Freiwilligen, die in Booten von Haustür zu Haustür fuhren. Bis hinauf nach Dallas, unter normalen Umständen rund vier Autostunden entfernt, wurden Sportstadien, Schulturnhallen, Konferenzzentren und in einem Fall sogar ein Möbelladen in Notunterkünfte verwandelt. Allein im George R. Brown Convention Center, eine Kongresshalle im Zentrum Houston, hatten bis Dienstagmittag neuntausend Evakuierte Zuflucht gefunden. Ein Ansturm, mit dem die Planer so nicht gerechnet hatten: Nur jeder Zweite konnte auf einem Feldbett schlafen, während die anderen die Nacht auf Stühlen oder dem nackten Fußboden verbringen mussten. "Die Dinge sind unter Kontrolle. Alles ist ruhig", betont Tom McCasland, der zuständige Manager, am Telefon, erkennbar darum bemüht, Gedanken an das Desaster nach dem Hurrikan Katrina gar nicht erst aufkommen zu lassen. Nachdem sich der Sturm im August 2005 über New Orleans ausgetobt hatte, wurde der Superdome, eine Basketballarena, zum Notaufnahmelager. Die skandalösen Bedingungen, unter denen dort Tausende lebten, sind noch gut in Erinnerung, auch in Houston.

Beide Flughäfen der Stadt haben den Betrieb eingestellt, die Schulen sind seit Montag geschlossen. Etliche Straßen lassen sich nicht passieren, auch auf den stellenweise überfluteten Autobahnen gibt es so gut wie kein Durchkommen. Zwei Rückhaltebecken am Rande der Metropole, Addicks und Barker, drohen nach wie vor überzulaufen. Dort hatte man erst in der Nacht zum Montag die Schleusen geöffnet, um das Risiko eines Dammbruchs zu reduzieren.
Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. "Wir sehen katastrophale Überflutungen, die wahrscheinlich noch schlimmer werden, weil es weiter regnet und das Wasser nur langsam abfließt", schildert der Leiter des Nationalen Wetterdienstes NWS, Louis Uccellini, die Lage. "Dieses Ereignis ist ohne Präzedenzfall", bringt es der NWS in einem Tweet prägnant auf den Punkt. Was Harvey an Schäden hinterlassen werde, darüber könne man sich zur Stunde nicht einmal annähernd ein Bild machen. Es gehe weit über das hinaus, was man aus bisheriger Erfahrung kenne. Es handle sich um eine der schlimmsten Katastrophen, die Amerika jemals heimgesucht habe, sagt Greg Abbott, der Gouverneur von Texas. "Wir müssen anerkennen, dass es eine neue Realität geben wird, eine neue und andere Realität für die gesamte Region."

Die texanische Nationalgarde, eine paramilitärische Einheit, hat ihre 12 000 De-facto-Soldaten mobilisiert, um bei Rettungseinsätzen zu helfen und verlassene Wohnviertel vor Plünderern zu schützen. Die Angst vor Plünderungen, sie veranlasste Ed Gonzalez, den Sheriff von Harris County, sich in deutlicher Sprache bei Twitter zu Wort zu melden. "An all die Schurken da draußen, ich warne euch. Mein Gefängnis ist offen, und ihr werdet verhaftet."
Derweil drängen lokale Kongressabgeordnete bei der Regierung Donald Trumps darauf, Blaupausen für einen Sparhaushalt zu kassieren. Nach einem im Mai vorgestellten Budgetentwurf soll der Etat der Katastrophenschutzbehörde Fema im kommenden Finanzjahr um 667 Millionen Dollar gekürzt werden, während der Wetterdienst mit 62 Millionen weniger auskommen soll. Obwohl das Parlament - und nicht die Exekutive - letztendlich über den Haushalt entscheidet, fordern prominente Texaner den Präsidenten schon jetzt auf, den Rotstift aus der Hand zu legen. Dies sei der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um dringend benötigte Mittel zu streichen, mahnt Sheila Jackson-Lee, eine Demokratin, die Houston im Repräsentantenhaus zu Washington vertritt. "Das wird hoffentlich auch Herr Trump verstehen."