Eigentlich soll der verbale Schlagabtausch zwischen Rappern und Publikum als Ventil wirken, Aggressionen abbauen, verhindern, dass sich „echte Kerle“ immer gleich die Rübe einhauen. Doch einige rasteten nach dem heftigen Wortgewitter, das von der Bühne auf sie niederging, aus. Noch während des Auftritts kam es zu ersten Wortgefechten. So bat „Bushido“ zum Beispiel Hip-Hop-Radiomoderator André Langenfeld auf die Bühne, um „ihm die Fresse zu polieren“ . „Die haben getan, als ob sie die Größten wären. Das war alles sehr provokant“ , sagt Langenfeld. „Und dann spielten Alkohol und Aggressionen im Publikum eine große Rolle.“
Das Feuerwerk wüster Beschimpfungen und Beleidigungen, das immer wieder über die Köpfe hinweg prasselte, war für Langenfeld aber „nur Show, Getue. Ich habe das gar nicht so ernst genommen“ , sagt er. Andere im Publikum fühlten sich indes „von der Band extrem provoziert“ , wie die Polizei später zu Protokoll nehmen sollte. „Fakt ist, dass eine Gruppe aggressive Stimmung verbreitet hat im Saal“ , bestätigt Ulf Hennicke, Leiter des Glad-House-Veranstaltungsbüros. „So hat sich das Ganze langsam aufgeschaukelt.“ Und nach dem Konzert war noch lange nicht Schluss.
An der Bar flog dem Cottbuser Dirk F., wie Unbeteiligte bestätigen, eine Flasche an den Kopf. Zudem sollen Bandmitglieder den Disput gesucht und ihn bedrängt haben, wie er später aussagen wird. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Schließlich zog der 32-Jährige ein Schnitzmesser, stach wild um sich, verletzte drei Männer im Alter von 18 bis 26 Jahren, die den Streit zum Teil schlichten wollten – wohl aus Angst, vielleicht auch, weil ihn die Erinnerung in diesem Moment einholte. Denn angeblich soll Dirk F. vor zehn Jahren selbst Opfer einer Messerattacke gewesen sein. Damals verletzte ihn eine Gruppe Rechtsextremer lebensgefährlich.
„Dirk F. hat bei der Vernehmung erklärt, dass er in Notwehr gehandelt hat“ , sagt die Cottbuser Staatsanwältin Cäcilia Cramer-Krahforst. „Ein Haftbefehl gegen ihn ist nicht erlassen worden. Dafür gibt es keinen Grund.“ „Die Aggression“ , sagt einer der Verletzten, der am Donnerstag operiert wurde, „ging an diesem Abend eindeutig von Aggro-Berlin aus. Das ist eben nicht Hip-Hop, nicht in dieser Form.“
Die Veranstalter sind schockiert. Die geplante Veranstaltungsreihe „Tonspielzeugtage – Ein Klang Party“ ist abgesagt worden. „Wir wollten Hip-Hop aus verschiedenen Städten und verschiedenen Nationalitäten präsentieren, gerade weil diese Musik immer mit Gewalt in Verbindung gebracht wird, um zu verdeutlichen: Es geht auch mit Toleranz“ , erklärt Glad-House-Leiter Jürgen Dulitz. „Doch wenn Gewalt zur Selbstverständlichkeit wird, werden wir diese Szene als Kulturhaus nicht mehr bedienen können. Dieses Ausmaß war erstmalig und einmalig.“