Wie bei der Staatsgründung vor fünf Jahren ist die Lage im Norden des Kosovos auch heute unverändert: Die lokale serbische Mehrheit dort will mit dem fast nur noch von Albanern bewohnten Staat nichts zu tun haben. Die Folge ist ein praktisch gesetzloser Raum, ein Niemandsland, weder Kosovo noch Serbien. Autos fahren ohne Nummernschilder, geschmuggelter Treibstoff kostet nur 90 Cent. Gerichte gibt es ebenso wenig wie eine halbwegs funktionierende Polizei. Stattdessen haben Mafiabanden die 40 000 Serben gut im Griff.

"Es traut sich niemand aufzumucken", beschreibt Adrijana Hodzic die Lage. Sie ist von der albanisch beherrschten Kosovo-Regierung in der Stadt Mitrovica als Bürgermeisterin eingesetzt worden. Die perfekt Serbisch, Albanisch und Englisch sprechende resolute Frau erzählt von einem Serben, der trotz des kriminellen Drucks für die Kosovo-Behörden gearbeitet hatte.

In jeder zweiten Kneipe finden sich Serben mit Waffen. Regelmäßig gibt es Bombenanschläge auf Autos, Häuser oder sogar Menschen. Mitrovica ist eine geteilte Stadt. Im Norden wohnen die Serben, im Süden die Albaner. Die Hauptbrücke über den Fluss Ibar als Grenze ist von den Serben mit Schotterbergen blockiert. Andere Straßen sind durch Barrikaden zur Sackgasse geworden.

Die Serben wollen mit dem großen Rest des Kosovos und seinen Albanern nichts zu tun haben. Sie wollen weiter zu ihrer Heimatrepublik Serbien gehören. Mit diesem Ziel hatten sie im letzten Jahr immer wieder Straßensperren errichtet, um den Transitverkehr lahmzulegen. Auch wollten sie so verhindern, dass Polizisten und Zöllner der Kosovo-Regierung an die Grenzen nach Serbien gebracht werden können.

Die Lage ist für Serben und Albaner depressiv. In der einstigen Stadt des Bergbaus und der Schwerindustrie steht alles still. Die zu kommunistischen Zeiten großen Staatsbetriebe gammeln vor sich hin. Von außen sehen sie aus wie riesige Schrotthaufen.

Das Überleben ihrer Landsleute in Mitrovica und weiteren drei serbischen Gemeinden im Norden sichert die serbische Regierung mit bis zu 300 Millionen Euro im Jahr. Damit werden Schulen und Universität, Krankenhäuser, Renten und Gehälter für Polizei und Justiz finanziert, auch wenn kaum jemand arbeitet.

Zwar hat die EU seit Jahren ihre größte Auslandsmission Eulex mit Polizisten, Richtern und Verwaltungsexperten vor Ort, doch die konnte oder wollte bisher wenig ausrichten. Auch die internationale Schutztruppe Kfor ist weitgehend machtlos. "Es gibt keine militärische Lösung", sagt der Bundeswehrgeneral Volker Halbauer als Kfor-Kommandeur. Politisch machen Serbiens Regierungschef Ivica Dacic und sein Kosovo-Amtskollege Hashim Thaci in der nächsten Woche in Brüssel einen neuen Anlauf. Unter EU-Vermittlung soll über einen Rückzug der serbischen Regierung aus dem Nordkosovo verhandelt werden. Dafür soll Serbien mit dem Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen belohnt werden.