Die Mehrheit der Kubaner hat keine andere Regierung erlebt als die des kommunistischen Diktators und seines Buders Raúl, der jetzt vom ewigen Stellvertreter zum Nachfolger wurde. Für viele Menschen in dem letzten kommunistischen Staat der westlichen Welt ist dies kein Grund zum Jubeln: Die Regimetreuen bangen, weil sie Angst vor dem Ende haben, und die anderen sind verunsichert, weil sie nicht wissen, ob jetzt der lang ersehnte Zeitpunkt für einen Neuanfang gekommen ist.
"Es wird alles so bleiben, wie er es gemacht hat", sagt etwa Angel Rodriguez, ein Tankwart in der südlichen Hafenstadt Trinidad. "Uns geht es doch gut. Aber es sollte auch Veränderungen geben, das ist ja der Sinn von Revolutionen." Kaum hatte der schnauzbärtige Amtschef den "vorläufigen" Abgang des Mannes verkündet, der ein halbes Jahrhundert das Denken, Tun und Lassen seines Volkes bestimmt hat, brodelte gleich die Gerüchteküche in Havanna. Dazu gehörte, Fidel sei bereits tot und die Mutmaßung, das Ganze sei ein Test für den Fall einer dauerhaften Übergabe der Macht.
Der Publizist Reinaldo Escobar sieht nun den Beginn eines "Fidelismo". Dieser werde über Kuba herrschen, wenn Fidel Castro tot ist und seine Epigonen an die Macht kämen. Der kubanische Führer hat die Macht offiziell nur auf Zeit in die Hände anderer gelegt. Dies soll bedeuten, dass Fidel, der am 13. August 80 Jahre alt wird, wieder gesundet und zurückkehrt.
"Wollen wir das wirklich?" fragen sich viele Menschen auf der größten Antilleninsel. Sie betrachten den Revolutionsführer bei all seinen Verdiensten als eine Figur der Geschichte. Wie jeden Morgen warten an Wegkreuzungen in Dörfern und Städten, unter Brücken der Nationalstraßen Tausende von Menschen auf einen nicht existierenden Nahverkehr, der sie zur Arbeit, zur Schule, zum Geschäft oder zum Markt bringen könnte. Dass diese Menschen Verbesserungen ihrer Lage herbeisehnen und eine Befriedigung ihrer einfachsten Bedürfnisse wünschen, ist unübersehbar.
Auch Gegner des Regimes sehen in Raúl Castro und den Männern, die ihn umgeben, die einzige Möglichkeit für ein Kuba ohne Fidel. "Wir haben die Hoffnung, dass dies eine Öffnung des Landes bedeutet", sagte der Dissident Manuel Cuesta Murua von der Gruppe Arco Progresista. Die katholische Kirche von Kuba, die derzeit einzige Kraft neben dem Regime, die in allen Landesteilen vorhanden ist, spricht von einer Übergangszeit mit Raúl. Dagoberto Valdez, Chefredakteur der kritischen katholischen Zeitschrift "Vitral" in Pinar del Rio ganz im Westen Kubas, hofft, dass mit Raúl vorsichtige Reformen in Gang gesetzt werden, vielleicht auch mit kubanischem Kapital aus Florida.
"Es würde eine Katastrophe werden, wenn die Nachfolger es nicht schaffen sollten, den Karren nach 47 Jahren der Misswirtschaft aus dem Dreck zu ziehen", sagte Valdez, der unter der Schirmherrschaft des Bischofs von Pinar del Rio ein Zentrum für die Bildung der Zivilgesellschaft unterhält. Auch europäische Wirtschaftsleute glauben an zaghafte wirtschaftliche Reformen, ohne dass sich das System verändern werde.