Von Jan Augustin
und André Bochow

Schön, dass Sie da sind“, steht auf dem Schild am Ortseingang. Gleich unter: „Willkommen in Heinersbrück“. Dahinter thront ein roter Stern auf einer Steinkonstruktion mit der Aufschrift: „Hier ruhen 34 Soldaten der Sowjetarmee.“

Direkt gegenüber vergilbt an einer Mauer schriftlicher Protest gegen ausufernden Braunkohle-Tagebau. Kirche, Hofladen, zwei Gaststätten, Sportverein, Schulsporthalle – das alles gehört zu Heinersbrück, Amt Peitz – nicht weit entfernt von Cottbus.

Die Schule wurde vor 14 Jahren geschlossen, aber es gibt eine Kita. Heinersbrück hat 602 Einwohner und 496 Wahlbürger, von denen 298 am Sonntag zur Wahl gingen. Fast genau die Hälfte hat AfD gewählt.

Horst Nattke, ehrenamtlicher Bürgermeister von Heinersbrück

Vor dem „Dhammanikhom Vipassana-Meditationszentrum“ schneidet ein älterer Herr die Hecke. Nein, bei den Buddhisten werde man wohl kein Glück haben, die wollen ihre Ruhe. Und ja, der Bürgermeister wohne gleich zwei Häuser weiter.

„Aber Sie, wenn Sie von der Presse sind, dann machen Sie mal einen richtigen Bericht über die Müllverbrennung hier. Der Gaumen brennt, der Mund trocknet aus. Es ist die Hölle.“ Der da hinten sei übrigens der Herr Nattke.

Horst Nattke, 67 Jahre alt, ist seit vier Wochen ehrenamtlicher Bürgermeister von Heinersbrück. „Es wollte kein anderer machen“, sagt er. „Aber es muss doch etwas passieren im Ort.“ Heinersbrück gehört zum Wahlkreis von SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke. Er hat ihn auch gewonnen. Aber in Heinersbrück lag bei den Erststimmen AfD-Kandidat Steffen Kubitzki deutlich vorn. „Der Herr Woidke hätte ja auch mal hier vorbeikommen können“, sagt Nattke. „Nicht ein einziges Mal war er da.“

Pünktlich zur Landtagswahl wurde der Tagebau Jänschwalde stillgelegt. Das Umweltverträglichkeitsgutachten war vom Verwaltungsgericht Cottbus regelrecht in den Staub getreten worden. Geklagt hatten Umweltorganisationen.

„Mit denen ist ja kein Tagebau mehr möglich“

Nicht wenige in der Region machen die Grünen verantwortlich. „Mit denen ist ja kein Tagebau mehr möglich“, sagt Horst Nattke. Der Rentner hat früher im Kraftwerk Jänschwalde gearbeitet, dessen dicke Türme die Sichtachsen der Gegend beherrschen. Hier wird die Kohle verbrannt. Und Müll.

Eine neue Müllverbrennungsanlage ist geplant. Die Begeisterung hält sich bei den Heinersbrückern in Grenzen. Zumal die Gemeinde finanziell nichts von der Anlage hat. „Das Einzige, was wir abbekommen, ist Geruchsbelästigung bei Westwind“, orakelt der Bürgermeister.

So ist das also, in einer abgehängten Region. „Wir sind nicht abgehängt“, grummelt Nattke. „Den meisten hier geht es gut. Wir jammern schon auf hohem Niveau“, gibt er zu. Dazu passt der Wunsch an die Landesregierung. „Ganz oben steht bei uns auf der Liste ein Radweg nach Peitz. Das Land hat das immer wieder abgelehnt.“

Kohleförderung, Flüchtlinge und die AfD

Soll nun die AfD helfen? „Man kann denen doch mal eine Chance geben.“ Ob er selbst die AfD gewählt hat, will der Bürgermeister nicht sagen. „Auf alle Fälle ist die AfD die einzige Partei, die weiter für die Kohleförderung eintritt.“

Und welche Rolle hat das Thema Flüchtlinge bei der Wahl gespielt? „Wir haben keine Flüchtlinge hier. Wir haben dafür gar nicht die Infrastruktur. Die wollen ja alle tolle Freizeitangebote.“ Und: Man lebe hier „nicht unter einer Käseglocke“. Die Leute informieren sich.

„Also dieser ganze Integrationsprozess wird von einigen schon sehr kritisch betrachtet. Mal ganz vorsichtig ausgedrückt.“ Nattke spricht über die unkontrollierte Grenze im Jahr 2015. Mal ein Beispiel: „Da beantragen Syrer Geld dafür, dass sie nach Hause in den Urlaub fahren können.“ Hat er gehört. „Vielleicht stimmt ja auch nicht alles. Aber so etwas hat natürlich bei der Wahl eine Rolle gespielt.“

Und dann ist da noch die nahe polnische Grenze. „Einerseits gut wegen des Tankens.“ Andererseits werde viel in den Agrarbetrieben geklaut.

Tagebau Jänschwalde habe ins Kontor geschlagen

„Das sind doch alles keine Gründe AfD zu wählen“, sagt die 36-jährige Kleinunternehmerin aus Drachhausen, die ihren Namen nicht nennen will. Schön sei es in Drachhausen. Die Feste, die Trachten, der Zusammenhalt.

Klar, die Sache mit dem Tagebau in Jänschwalde habe mächtig ins Kontor geschlagen. Ihre Nachbarin ruft: „Mein Mann sitzt jetzt zu Hause. Wie alle Raupenfahrer. Die müssen erst einmal Überstunden abbummeln.“ Und was wäre, wenn Jänschwalde nicht wieder aufmacht? „Dann wird der nächste Tagebau überprüft. Da können Sie sicher sein.“ Und dann gehen Firmen pleite.

„Für mich würde es dann auch schwer“, sagt die Unternehmerin. „Und die paar jungen Leute, die es noch gibt, ziehen sicher weg.“

Bürgermeister fürchtet um den Ruf der Region

Auch in Drachhausen wird über Migranten diskutiert. „Darüber, dass die viel zu viel bekommen. Obwohl die Deutschen, die nicht arbeiten gehen, sich auch nicht beschweren können.“ Irgendwie sei es bei der Wahl gegen die Landesregierung und gegen die Groko in Berlin gegangen.

Die Unternehmerin selbst ist zufrieden. Wenn nur die Steuern nicht wären. Das Wahlergebnis für die AfD liegt in Drachhausen eher im Lausitzer Durchschnitt, bei 41,5 Prozent.

In Jänschwalde waren es 43,2 Prozent. 1500 Einwohner wohnen in den verschiedenen Ortsteilen. Bürgermeister Helmut Badtke fürchtet um den Ruf der Region. Möglicherweise würden Investoren abgeschreckt. „Das kann man leider nicht ausschließen“, sagt der 70-Jährige, dessen ursprüngliche Heimat Essen ist.

„Aber wir leben in einer Demokratie. Und wenn ich so an die Grünen denke, also am Ende war ein Joschka Fischer etablierter Politiker. Vielleicht wird das auch mit den neuen Parteien mal so.“ Auch Badtke glaubt an eine Protestwahl. „Es wurde zu wenig für den ländlichen Raum getan. Ich sage nur: Internet! Das ist ein Handicap für Investoren.“ Und wenn jetzt die Braunkohlenförderung ende, fühlten sich viele an Stilllegungen nach dem Ende der DDR erinnert. „Da bricht eine Wunde auf.“

Ratlosigkeit wegen des AfD-Erfolgs in Ortrand

Niko Gebel (CDU), Badtkes Kollege in Ortrand, ist angesichts der Wahlergebnisse eher ratlos. Auch hier im äußerten Süden des Oberspreewald-Lausitz-Kreises an der Landesgrenze zu Sachsen hat die AfD die meisten Zweitstimmen ­gewonnen. Fast 40 Prozent stehen in dem Wahlkreis von CDU-Spitzenkandidat Ingo Senftleben zu Buche. „Ich muss ­sagen, so richtig erklären, kann ich mir das nicht“, sagt Gebel. Die viel diskutierte, aber noch immer nicht eingeführte Grundrente sei vielleicht ein Grund. Und es könne nicht sein, dass jemand mit 500 Euro auskommen müsse.

Aber sonst? „Es kann ja nur Protest sein“, sagt das 34-jährige Stadtoberhaupt.

Arbeitslosenquote in Ortrand unter drei Prozent

Ortrand geht es nach schweren Jahren nach der Wende gut. Nicht nur das Rathaus ist hübsch restauriert. Im Stadtbild gibt es kaum noch unsanierte Häuser oder Industrieruinen. „Wir haben Vollbeschäftigung“, sagt Niko Gebel stolz. Die Arbeitslosenquote liegt bei unter drei Prozent. Daran könne es also nicht liegen. Auch das gern benutzte Argument von viel zu vielen Flüchtlingen zieht nicht – etwa 70 Ausländer leben im gesamten Amt Ortrand. „Und die haben wir gern“, betont Niko Gebel.

Die Gewerbegebiete sind voll, neue sollen hinzukommen. Es gibt ein top ausgestattetes Bildungszentrum mit Grund- und Oberschule sowie einem Kindergarten, der wegen des steigenden Bedarfs noch in diesem Jahr für rund eine Million Euro ausgebaut werden soll.

Aktuell leben in der Stadt rund 2200 Menschen. Das sind zwar etwa 1000 weniger als Anfang der 90er-Jahre. Aber die Einwohnerzahl stabilisiert sich langsam wieder. Die Geburtenzahlen steigen. Dresdner und Berliner Familien ziehen in die Region – auch weil der Autobahnanschluss nur zwei Minuten entfernt liegt.

Das starke Ergebnis der AfD sei zu erwarten gewesen

Und es gibt die Rückkehrer. So, wie Nadine (26) und Kevin Muschinski (25), die mit der neun Monate jungen Mariella über den Ortrander Marktplatz schlendern. „Uns geht es tatsächlich ziemlich gut. Das hat aber nichts mit der Politik zu tun“, sagt Kevin Muschinski – bekannt auch als erfolgreiches Andreas-Gabalier-Double. Bis vor kurzem haben die beiden noch in Dresden gewohnt. „Nachdem die Kleine geboren wurde, haben wir gesagt, wir ziehen wieder in die Heimat.“ Jetzt bauen sich die Muschinskis ihr eigenes Haus in Ruhland und wollen ihrer Tochter die gleichen Werte vermitteln, wie sie sie selbst einmal erhalten haben: Familie, Natur und Gemeinschaft zum Beispiel. Das mache die Region aus.

Für wen sie bei der Landtagswahl gestimmt haben, wollen sie nicht sagen, auch nicht, ob sie das Ergebnis gut oder schlecht finden. Ihre Kreuze haben sie aber gesetzt – per Briefwahl. Das starke Ergebnis der AfD sei zu erwarten gewesen. „Das hat mit Sicherheit einen Grund“, sagt Kevin Muschinski.

Sorge nach einer guten ärztlichen Versorgung

Wohl in Ortrand fühlt sich auch das Ehepaar, das am Stadtrand wohnt und den Markttag für einen Besuch im Zentrum nutzt. Er hat früher als Elektriker in der ehemaligen Kunstseidenfabrik gearbeitet, sie bei der Bundesbahn. Große Sprünge können sie sich mit ihrer Rente nicht erlauben, sagen sie. „Wir sind zufrieden und leben gerne hier, nur geschäftlich könnte ein bisschen mehr sein.“ Auch treibt sie mit zunehmendem Alter die Sorge nach einer guten ärztlichen Versorgung um. Zwei Allgemeinmediziner arbeiten in Ortrand, und vier Zahnärzte. Solange sie noch Autofahren können, sei das in Ordnung. Wählen waren auch sie. Die SPD. Und das Ergebnis der AfD? „Ich denke, das war ein Denkzettel“, sagt der Mann. Ihm seien die Gesinnung und die Parolen der Partei „zu weit rechts“. Wenn sie die Interessen der Bürger vertritt, sei das in Ordnung, sagt seine Frau. „Jetzt müssen sie ein ordentliches Programm vorlegen.“

Unverständnis beim Wirt in Frauwalde

Dass sie genau das nicht haben, davon ist Roland Klaus überzeugt. „Ich hätte nie die AfD gewählt“, sagt der Wirt des Dorfkruges in Frauwalde. In dem fünf Autominuten von Ortrand entfernten Dorf haben das allerdings verhältnismäßig viele Menschen getan: 53,8 Prozent. Es ist eines der stärksten Ergebnisse der AfD in der Lausitz. „Es geht doch allen gut, die Einkaufswagen sind voll. Ich weiß nicht, was den Leuten fehlt“, sagt Roland Klaus. Vielleicht sei es die große Politik, mit der die Menschen unzufrieden sind. Er selbst sei seit 30 Jahren überzeugter CDU-Wähler. „Ich habe Ingo Senftleben viel Glück gewünscht.“ Gott sei Dank, sei wenigstens die SPD an der Spitze geblieben ist. Das Abschneiden der AfD bereite ihm schon ein bisschen Sorgen. „Ich denke aber, das ist nur eine Spitze und verteilt sich wieder. Ich wäre froh“, sagt der 62-Jährige.

Schuld sei die Politik auf Kreis-, Landes- und Bundesebene

100 Meter weiter, entlang der Ortsdurchfahrt, an der vereinzelt nur noch ein paar Werbeplakate der Linken und von Ingo Senftleben an den Laternen hängen, hämmert und sägt es aus einem Hof. Zwei Männer sanieren eine alte Scheune. Der Eigentümer, ein Zugezogener, will anonym bleiben, hat aber eine klare Meinung: „Für mich sind die AfD-Leute Rattenfänger. Die haben kein Konzept.“ Es sei aber die einzige Partei, die den Leuten suggeriere, dass sie ihnen zuhöre. Schuld sei die derzeitige Politik auf Kreis-, Landes- und Bundesebene. Diese sei weltfremd und zu idealistisch bestimmt. Außerdem werde falsch kommuniziert: „Entscheidungsprozesse sind nicht mehr nachvollziehbar“, sagt er. Dass rein rechnerisch jeder Zweite seiner neuen Nachbarn ein AfD-Wähler ist, störe ihn nicht. „Wir sind hier sehr gut integriert. Hier kann jeder so leben, wie er will.“

Noch große Unterschiede zwischen Ost und West

Rudolf Blumrich aus Jänschwalde nimmt das nicht so leicht. „Natürlich ist es ein Unding, dass es immer noch so große Unterschiede zwischen Ost und West gibt. Gerade bei den Löhnen. Aber glaubt wirklich jemand, dass die AfD daran etwas ändert?“

Der Ex-Major der NVA ist Jahrgang 1935. Aktiver Tischtennisspieler war er und engagiert sich immer noch bei der SG Jänschwalde. „Wir mussten aber den Punktspielbetrieb einstellen. Kein Nachwuchs“, sagt der 85-Jährige.

Er leitet die Ortsgruppe der „Volkssolidarität“. Auch in der hat mancher Sympathien für die AfD und Vorbehalte gegen Migranten. Blumrich sagt dazu: „Ich war selbst Flüchtling. Aus dem Sudetenland. Ich kann nicht verstehen, was da jetzt für ein Hass geschürt wird. Begreifen die Leute nicht, wohin das alles führen kann?“