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Nach dem Massaker: Werden deutsche Journalisten ängstlicher?

Wider die "Schere im Kopf": Wolfgang Donsbach.
Wider die "Schere im Kopf": Wolfgang Donsbach. FOTO: dpa
Was bedeutet das Blutbad von Paris für die Pressefreiheit in der Bundesrepublik? Mit dem Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" ist der Islamisten-Terror über Nacht deutlich näher an die Redaktionen in Deutschland herangerückt. dpa/sm

Ein vermeintlich sicherer Beruf? Jeden Monat sterben in den Krisenregionen und Diktaturen der Welt Reporter bei ihrer Arbeit. 66 Journalisten waren es 2014. In Deutschland war eine Gefahr für Leib und Leben bisher nicht spürbar. "Die einzige Bedrohung, an die ich mich erinnern kann, ist, dass Rudolf Augstein und Conrad Ahlers in der ,Spiegel-Affäre' ins Gefängnis geworfen wurden auf Betreiben des Bundesverteidigungsministers Strauß. Das war das einzige Mal, dass zumindest eine indirekte körperliche Bedrohung gegeben war", sagt Prof. Wolfgang Donsbach, Kommunikationswissenschaftler an der Technischen Universität Dresden. 1992 steckte bei ausländerfeindlichen Krawallen in Rostock-Lichtenhagen der Mob ein Haus in Brand, in dem mit rund 100 Vietnamesen auch ein ZDF-Fernsehteam eingeschlossen war. Ihnen allen gelang es nur mit Müh und Not, sich zu retten. 1972 gab es bei einem Rohrbomben-Anschlag der Rote Armee Fraktion auf das Springer-Verlagshaus in Hamburg 36 Verletzte.

Die Schere im Kopf? "Jou rnalisten sind auch nur Menschen", sagt Forscher Donsbach. "Es sind nicht alle Helden, die sagen: ,Mir ist das egal und jetzt erst recht.' Und es wird vermutlich den einen oder anderen geben, der sich nun doppelt und dreifach überlegt, ob er eine solche Zeichnung oder eine bestimmte kritische Art der Berichterstattung macht." Diese "Schere im Kopf" sei genau das Ziel der Islamisten. Auch Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München, hält das für möglich. "Ich könnte mir vorstellen, dass es tatsächlich so etwas gibt wie: Wenn es um das eigene Leben geht, dass dann der Einsatz für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Religionsfreiheit nicht mit dem vollen Einsatz durchgeführt wird, der vielleicht wünschenswert wär e."

Wer fühlt sich bedroht? Die Terroristen von Paris haben sich eine Zeitschrift ausgesucht, die für ihre bissigen Karikaturen bekannt ist. "Ich glaube, dass die Gefahren eher in der bildlichen Darstellung liegen als im geschriebenen Wort", sagt Donsbach. "Das hat ja auch die Vergangenheit gezeigt. Radikale Gruppen im Islam haben sich über Texte seltener aufgeregt, wenn dann eher noch über Belletristik wie bei Salman Rushdie. Aufregung gab es vor allem bei Bildern. Das liegt an der besonderen emotionalen Qualität von Bildern." Hinzu kommt die Vorstellung vom Bilderverbot des Propheten. Mohammed persönlich habe es ausgesprochen, so wird es von vielen strenggläubigen Muslimen verfochten. Nicht alle Strömungen des Islam vertreten dieses Tabu. Das Verbot ist in der Religionsforschung zudem umstritten. Es spielte dennoch eine große Rolle beim Streit um Mohammed-Karikaturen 2006.

Ist das eine Zäsur wie beim 11. September? "Wenn es für den Journalismus eine Zäsur sein sollte, hoffe ich, dass es eher eine positive ist", sagt Medienethik-Experte Filipovic. "Dass man sagt: Angesichts dieser Zustände müssen wir noch stärker für Pressefreiheit und auch mitten in dem so freiheitlich anmutenden Europa eintreten und unseren Beruf noch energischer ausüben." Donsbach erwartet - auch vor dem Hintergrund der Pegida-Debatte - eine kritischere Berichterstattung. "Ich glaube, dass man sich mit Hasspredigern und Parallelgesellschaften intensiver auseinandersetzen wird. Und in dem Zusammenhang kann ich mir vorstellen, dass dann auch der Islam von Journalisten härter angefasst wird. Man erkennt: Was letztlich an Berichterstattung herauskommen wird, ist eine Folge einer Vielzahl von Einstellungen, Ängsten und anderen Einflussfaktoren. Aber ändern wird sich etwas."

Wie geht es weiter? "Kein Journalist sollte jetzt plötzlich falsche Zurückhaltung bei religiösen oder anderen vermeintlich heiklen Themen üben", mahnt der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr. "Das wäre der erste Schritt zur Selbstzensur und eine Bestätigung all jener, die meinen, sie könnten mit Drohungen und Gewalt Tabus oder eine richtige Berichterstattung durchsetzen. Es gibt zwar keine Pflicht, jetzt massenhaft Mohammed-Karikaturen abzudrucken. Aber jeder, dem an der Pressefreiheit gelegen ist, sollte für das bedingungslose Recht auf solche Veröffentlichungen kämpfen. Die Journalisten und Karikaturisten von ,Charlie Hebdo' haben nicht provoziert, sondern von einem Menschenrecht Gebrauch gemacht." Ethiker Filipovic appelliert, "in der Ausbildung von Journalisten gegen diese Bedrohung vorzugehen und in der täglichen Arbeit im Angedenken an die Getöteten diese Freiheit auszuüben". Die Werte der Aufklärung müssten verteidigt werden, so Donsbach. "Ich glaube, man verteidigt sie nicht, indem man den Schwanz einzieht. Dann wird man den Schwanz immer weiter einziehen müssen, bis er nicht mehr da ist."