Drei Möglichkeiten sah Karin G. nach der tödlichen Messerattacke gegen ihre einzige Tochter: Aus dem Fenster springen, den Schmerz im Alkohol ertränken oder weitermachen mit dem Leben. „Keira hätte nicht gewollt, dass ich aufgebe“, sagt die 41-Jährige in ihrer Berliner Wohnung in Alt-Hohenschönhausen. „Also weitermachen.“ Es ist ein Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur am Tatort. „In meinem Leben ist nichts mehr so, wie es war. Und es gibt nichts, was es wieder gut macht. Meine Tochter bleibt tot.“

Karin G. hatte ihr blutüberströmtes Mädchen am 7. März gefunden, als sie von der Arbeit in einer Immobilienfirma kam. Mediziner konnten das Leben der 14-Jährigen nicht mehr retten. In der Anklage der Staatsanwaltschaft heißt es, Keira wurde mit einer Vielzahl von Messerstichen „tatplangemäß getötet.“ Sie kannte ihren mutmaßlichen Mörder. Sie gingen auf dieselbe Schule.

An diesem Dienstag begann nun der Prozess gegen einen 15 Jahre alten Deutschen am Berliner Landgericht. Karin G. will als Nebenklägerin zu jedem Verhandlungstag hingehen, unterstützt von ihrem Anwalt Roland Weber, der auch Berlins Opferbeauftragter ist. „Die Verantwortung für meine Tochter hört ja nicht mit ihrem Tod auf“, sagt die Mutter. Für Keira habe sie immer gekocht, aber nur für sich? Karin G. sagt, sie habe keinen Hunger.

Der Prozess ist nicht öffentlich, weil der Angeklagte Jugendlicher ist. Bei einer Verurteilung wegen Mordes droht ihm eine Jugendstrafe von maximal zehn Jahren. Seit dem 11. März sitzt er in U-Haft. Über die Hintergründe der Tat ist bislang nichts bekannt.

Wegziehen und neu anfangen? Karin G. schüttelt den Kopf. „Hier bin ich meiner Tochter nah, hier sind die Erinnerungen an sie.“ In gewisser Weise habe es ihr sogar geholfen, dass sie ihr Kind gefunden habe und nicht irgendwo im Wald nach langer Ungewissheit. „Keira wusste, dass ich komme - auch das gehört zu meinem Kartenhaus.“

An diesem Montag wäre die Schülerin 15 geworden. In ihrem Zimmer steht der Rucksack mit den Schlittschuhen noch so da, als würde sie gleich mit dem Fahrrad zum Training starten. Auch der Helm liegt bereit. Keira trainierte beim Berliner TSC und war im Januar in ihrer Altersklasse Berliner Meisterin über 1000 sowie 1500 Meter geworden.

Sie sei bei vielen Wettkämpfen mit dabei gewesen, erzählt die Mutter. Zusammen seien sie verreist, Paris und Rom sollten die nächsten Ziele sein. „Keira hatte mindestens 20 beste Freunde, sie kannte Hinz und Kunz mit ihrer positiven Ausstrahlung, war beliebt an ihrer Schule, wo sie nur Koko genannt wurde.“

Die allein lebende Frau hält sich mit ihren Erinnerungen über Wasser und kann nach ihren Worten nicht vor anderen weinen. Jeden Tag geht sie zum Friedhof, wo sie das Urnengrab immer wieder mit Lilien und Rosen üppig schmückt. Zu ihrer Familie gehörten jetzt noch ihre Eltern und ein Kater.

Der Tod der jungen Eisschnellläuferin hatte bundesweit Bestürzung ausgelöst. Die Anteilnahme habe ihr Kraft und das Gefühl gegeben, mit der Trauer nicht allein zu sein, hatte Keiras Mutter damals in einem Brief an die Öffentlichkeit mitgeteilt.

Bekannte, Freunde, Nachbarn, die Schule hätten Mitgefühl gezeigt, sagt sie auch jetzt. Geld für die Beisetzung sei gesammelt worden. Bei der Polizei sei sie mit Empathie befragt worden, Wildfremde hätten ihr geschrieben.

Doch gleichzeitig seien andere aus ihrem Umfeld einfach weggeblieben, hat die 41-Jährige erlebt. „Viele können mit dem Tod nicht umgehen, sind hilflos. Und eigentlich passiert doch so etwas Schlimmes nur im Film, aber nicht im realen Leben“, sinniert Karin G. über die Gründe.

Auch im Büro habe sie das Gefühl, dass die wenigsten wüssten, wie sie mit ihr umgehen sollen, meint die Frau. Doch Rückkehr in die Normalität schaffe sie einfach nicht. „Ich kann das nicht“, so die gelernte Pferdewirtin. Ihre Erkenntnis aus dem eigenen Erleben: „Der Tod wird heruntergeredet in Deutschland oder verdrängt.“

Karin G. hat auch eine Trauma-Therapie gemacht. Nun kommt noch eine weitere zur Trauer-Bewältigung hinzu. In eine Selbsthilfegruppe wolle sie aber nicht. So grübelt sie auch viel allein, dass es jeden hätte treffen können und warum es immer wieder Messerattacken gibt. „Wer ein Messer zieht, hat eine Tötungsabsicht - das sollte in jedem Fall so geahndet werden“, findet die Mutter.

Geht der Respekt vor dem Leben verloren, fragt sie sich. Es habe keine Entschuldigung, nicht mal den Versuch von dem mutmaßlichen Täter oder dessen Eltern gegeben. „Nichts, gar nichts.“ Karin G. fügt leise hinzu: „Und jetzt will ich das auch gar nicht mehr.“