| 02:35 Uhr

Mutmaßlicher IS-Drahtzieher vor Gericht

Celle. Er gilt als Führungsfigur der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland und machte als "Mann ohne Gesicht" oder "Scheich von Hildesheim" von sich reden. Vom heutigen Dienstag an muss sich der Iraker Abu Walaa vor dem Oberlandesgericht Celle verantworten. dpa/pb

Mitangeklagt sind vier weitere mutmaßliche Top-Islamisten im Alter zwischen 27 und 51 Jahren, weil sie Freiwillige für den Kampf des IS rekrutiert haben sollen. Ihnen wird Unterstützung und Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Alle fünf Angeklagten wurden im vergangenen November in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen festgenommen und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Belastet wird Abu Walaa von mehreren V-Leuten der Polizei sowie einem ehemaligen IS-Sympathisanten aus Gelsenkirchen. Der Kronzeuge sagte sich nach einer Syrienreise von der Terrormiliz los und packte bei den Ermittlern aus, er erhielt im Mai eine Bewährungsstrafe.

Beim inzwischen verbotenen "Deutschen Islamkreis Hildesheim" soll der 33-jährige Abu Walaa (bürgerlicher Name Ahmad Abdulaziz Abdullah A.) radikal-islamische Predigten gehalten und die Moschee des Vereins zu einem bundesweiten Rekrutierungszentrum des IS gemacht haben. Ziel war es nach Ansicht der Bundesanwaltschaft, Freiwillige für den IS nach Syrien oder in den Irak zu vermitteln.

Nach Abu Walaas Seminaren in der Hildesheimer Moschee fuhren reihenweise junge Männer in den Irak und nach Syrien. Mindestens 15 Männer aus Niedersachsen und neun aus Nordrhein-Westfalen durchliefen nach Behördenerkenntnissen sein Netzwerk und reisten ins Kriegsgebiet. Sechs von ihnen sollen dort gestorben sein.

In der Moschee soll auch der Berlin-Attentäter Anis Amri auf Abu Walaa getroffen sein. Beim mitangeklagten Deutsch-Serben Boban S. in Dortmund soll Amri, der im Dezember in Berlin zwölf Menschen tötete, zeitweise gewohnt haben.

Außer in Hildesheim war Abu Walaa in Nordrhein-Westfalen aktiv, wo er in Tönisvorst bei Krefeld lebte. Wegen seiner Internet-Auftritte, bei denen nur sein Oberkörper gezeigt wird, gilt er auch als "Mann ohne Gesicht". Er hat nach Erkenntnis der Sicherheitsbehörden mindestens zwei Ehefrauen und mehrere Kinder. Der Hassprediger soll nach Medienberichten auch ein Vertrauensmann von Abu Mohammad Al-Adnani gewesen sein, der bis zu seiner Tötung als Drahtzieher der IS-Anschläge in Europa galt.

Abu Walaa und zwei Mitangeklagten wird auch Terrorismusfinanzierung sowie Beihilfe zur Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen. Mit Kreditbetrügereien, Einbrüchen und Spenden soll sein Netzwerk nach Medienberichten zwei Millionen Euro eingenommen und an den IS gezahlt haben. Verglichen wird das Vorgehen des Netzes mit dem der Brüsseler Terrorzelle, für die Khalid Zerkani in ähnlicher Weise den Nachwuchs anwarb.

Überdies soll einer der Angeklagten einen der Jugendlichen radikalisiert haben, die 2016 einen Bombenanschlag auf einem Sikh-Tempel in Essen verübten. Unter dem Einfluss von Abu Walaas Netz soll auch Zwillingsbrüder aus Castrop-Rauxel zum IS aufgebrochen sein und sich 2015 bei Selbstmordanschlägen auf irakische Stützpunkte in die Luft gesprengt haben.

Für das Verfahren in Celle wurden zunächst 29 Termine bis Ende Januar kommenden Jahres angesetzt. Den Männern drohen bis zu zehn Jahre Haft.