Mursi oder Märtyrertod - für den Ägypter Mohammed Said Mohammed Hamid gibt es keine Alternativen. "Entweder wir tragen Mursi auf unseren Schultern zurück in seinen Palast", meint der Demonstrant am Freitag in der Hauptstadt Kairo, "oder wir sterben als Märtyrer." Dass das Leben ohne einen Präsidenten Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft und zugleich auch ohne eine blutige Eskalation der Gewalt weitergehen könnte, glaubt er nicht. Zu Zehntausenden strömen am Freitag Mursi- Anhänger in Kairo zusammen.

Zehn Tage nach dessen Sturz durch das Militär wollten sie der Welt mit dem "Millionen-Menschen-Marsch" beweisen, dass sie die Massen und das Recht auf ihrer Seite haben. Die Bühne für die Hauptkundgebung vor der Raba-al-Adawija-Moschee im Außenbezirk Nasr City zieren neben arabischen auch englische Transparente: "Pro-Democracy" und "Anti-Coup".

"Die Armee - und sie ist die letzte Institution, von der ich mir das erwartet hätte - hat die legitime Ordnung angegriffen", ruft einer der zahlreichen Redner in die Menge.

Die Muslimbrüder und ihre islamistischen Verbündeten in der Allianz zur Unterstützung der Legitimität sehen in der Entmachtung Mursis nichts als einen kaltblütigen Militärputsch. In den Augen seiner Kritiker hat Mursi bei der Lösung der Probleme des Landes versagt und eine schleichende Islamisierung des Staates betrieben. Doch zugleich war er vor mehr als einem Jahr demokratisch gewählt worden.

"Was sagt der Westen dazu? Der Westen beharrt doch immer auf demokratischen Wahlen", wirft der junge Journalist Mohammed Selim ein. Er berichtet für die Zeitung "Freiheit und Gerechtigkeit". Das Blatt ist das Organ der gleichnamigen Partei, des politischen Arms der Muslimbruderschaft.

Doch es ist fraglich, ob das Protestcamp in Nasr City und die Großdemonstrationen am Freitag die Entwicklung rückgängig machen können. Das Militär und die zivilen Politiker, die den Umsturz mittragen, schaffen Tatsachen.

Adli Mansur, der Übergangspräsident, hat bereits eine Verfassungsdeklaration erlassen, die einen Fahrplan zu Parlamentswahlen innerhalb von rund sechs Monaten enthält. Übergangspremier Hasem al-Beblawi ist dabei, eine Interimsregierung zu bilden.

Hinzu kommt, dass die Sicherheitskräfte - derzeit die eigentlichen Machthaber im Land - harsch gegen die Islamisten vorgehen. Mursi wird an einem unbekannten Ort ohne Anklage festgehalten. Einige Mitglieder des Lenkungsbüros, wie die Führungsspitze der Muslimbruderschaft heißt, sind verhaftet worden. Gegen andere wie den spirituellen Führer der Organisation, Mohammed Badia, liegen Haftbefehle vor. Die Fernsehkanäle der Bruderschaft wurden geschlossen.

Die Zeitung "Freiheit und Gerechtigkeit" wird angeblich im Untergrund gedruckt und über eigene Kanäle an die Anhänger verteilt.

Tatsächlich wurde die Muslimbruderschaft von der Absetzung Mursis kalt erwischt. Ihre starre und zentralistische Organisationsstruktur ist ein Produkt von Jahrzehnten Arbeit in der Illegalität. Das Lenkungsbüro ist innerhalb der Organisation ähnlich mächtig wie es einst das Politbüro der SED war. Die alten Kader nahmen weder den Popularitätsverfall Mursis während seiner einjährigen Präsidentschaft wahr noch sahen sie die Intervention des Militärs kommen. Eine Fehlerdiskussion hat unter den Muslimbrüdern noch nicht eingesetzt. Vorerst will die Führung die Reihen fest schließen und setzt auf die Mobilisierung der Massen. Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften scheinen einkalkuliert, wenn nicht sogar beabsichtigt.

Dass die Sicherheitskräfte nicht zögern, Gewalt anzuwenden, zeigt das Blutbad mit 50 Toten vor dem Klub der Republikanischen Garden vor wenigen Tagen. Der Westen verfolgt die Entwicklung in Ägypten mit Sorge. Die US-Regierung schloss sich am Freitag der deutschen Forderung nach einer Freilassung des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi an.

Auf die Frage, wie man zu einer entsprechenden Äußerung von Außenminister Guido Westerwelle stehe, sagte US-Außenamtssprecherin Jen Psaki am Freitag in Washington: "Wir stimmen dem zu." Westerwelle hatte zuvor nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin ein Ende der "aufenthaltsbeschränkenden Maßnahmen" gegen Mursi verlangt. Zudem müsse "unverzüglich" eine unabhängige internationale Organisation wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz Zugang zu Mursi bekommen.