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| 02:47 Uhr

Muslimbrüder nutzen Druck der Straße

Freiheit für Mohammed Mursi fordern die Demonstranten.
Freiheit für Mohammed Mursi fordern die Demonstranten. FOTO: dpa
Kairo. Nach tödlichen Massenprotesten ist in Ägypten wieder weitgehend Ruhe eingekehrt. Bei heftigen Zusammenstößen zwischen Islamisten und ihren Gegnern waren in der Nacht zum Samstag drei Frauen getötet worden. In Kairo setzen die Islamisten ihr Protestcamp fort. Gregor Mayer / dpa/bl

Gehad al-Haddad, der Auslandssprecher der ägyptischen Muslimbruderschaft, ist ein begeisterter Twitterer. "Es ist ziemlich einfach", postete er in der Nacht zum Sonntag. "Sobald sich eine kritische Masse gegen die #Tyrannei erhebt, folgt alles andere von selbst." Dazu stellte er einen kurzen Comic-Strip, auf dem zu sehen ist, wie sich Menschen vor einem peitschenschwingenden Aufseher ducken und dann nach und nach aufstehen, bis sich der Sklavenhalter ducken muss.

Doch einfach ist in Ägypten nichts. Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi am 3. Juli durch das Militär bringen die Muslimbrüder immer wieder Zehntausende Menschen auf die Straßen und Plätze des Landes. Vor einer Moschee in der Kairoer Vorstadt Nasr City lagern Tausende in einer improvisierten Zeltstadt des Protests. Die Forderung ist immer die gleiche: die Freilassung und Wiedereinsetzung des ersten frei gewählten Präsidenten in der Geschichte des Landes. Doch bewirkt hat das bisher nichts.

Das Militär hat Mursi, dessen Amtsführung immer autoritärer geworden war, nach eindrucksvollen Massenprotesten seiner Gegner aus dem Amt gezwungen. Es hält ihn an einem unbekannten Ort ohne formelle Anklage fest, "zur eigenen Sicherheit", wie es euphemistisch heißt. Mehrere Führer der Muslimbruderschaft, aus deren Reihen Mursi kommt, befinden sich in Haft. Die Fernsehkanäle der Islamisten sind weiterhin geschlossen.

In der Übergangsregierung, die die Armeeführung eingesetzt hat, bekleidet Armeekommandant General Abdel Fattah al-Sisi den Posten eines ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten. Die neuen Ressortchefs übernehmen nach und nach die Ministerialbürokratien. Eine neue Verfassungskommission begann am Sonntag mit der Überarbeitung des Grundgesetzes, das Mursi hinterlassen hat. Das Leben geht weiter, scheint es.

Daran ändert auch nichts, dass es bei den Massenkundgebungen der Islamisten immer wieder zu Gewalt kommt. Bislang ging diese in den meisten - wenn auch nicht allen - Fällen von den Sicherheitskräften oder Anti-Islamisten aus. Bei den bisher schlimmsten Zusammenstößen, am 8. Juli vor dem Klub der Republikanischen Garde in Kairo, starben mehr als 50 Menschen, als die Sicherheitskräfte mit scharfer Munition in die weitgehend unbewaffnete Menge schossen.

Die Armee hatte erklärt, dem Feuerbefehl sei ein Sturm der Mursi-Anhänger auf den Garde-Klub vorausgegangen, wo diese den inhaftierten Ex-Präsidenten vermuteten. Doch stichhaltige Beweise für diese Behauptung legten die Generäle keine vor. Eine akribische Untersuchung von Journalisten der britischen Tageszeitung "Guardian" legt vielmehr nahe, dass die Sicherheitskräfte einfach auf die Demonstranten schossen, um sie auseinanderzutreiben.

Die Islamisten wollen nun ihre Kundgebungen qualitativ steigern, sie "eskalieren", wie sie es nennen. Die Methoden sollen strikt friedlich bleiben und sich dem annähern, was man andernorts als "zivilen Ungehorsam" bezeichnen würde. Das schließt die Blockade von Brücken, Straßen, Ministerien und wichtigen Gebäuden ein. Noch hofft man auf den wachsenden Druck der Straße. "Der Wendepunkt wäre erreicht", erklärte der Islamisten-Sprecher und Twitterer Al-Haddad in einem Interview mit der Journalistin Lina Attalah, "wenn der Staat zum Stillstand kommt. Genau das wäre aber auch der Punkt, an dem das Militär nach eigenem Bekunden nicht lange fackeln würde.