Spitzentreffen im DDR-Staatsrat: Vor 25 Jahren empfing Erich Honecker (4. v. l.) den Vorstand der evangelischen Kirchenleitungen. Für die Kirche saß Manfred Stolpe (4. v. r.), der jetzige Bundesbauminister, mit am Verhandlungstisch.Für Altbischof Albrecht Schönherr, der damals die Delegation als Vorsitzender des Kirchenbundes anführte, war das Treffen ein Durchbruch. Es habe gezeigt, dass die SED-Oberen sich der Tatsache beugen mussten, dass die Religion nicht einfach abstirbt.
"Als ich den Konferenzraum im Gebäude des Staatsrates der DDR verließ, sagte mir Erich Honecker: ,Herr Bischof, wir werden es beide schwer haben, das, was wir eben besprochen haben, bis an die Basis durchzusetzen", erinnert sich der 91-jährige Schönherr.

Gespräch kontrovers beurteilt
Honecker, der die Kirchenleitung um das Gespräch gebeten haben soll, sicherte ihr gewisse Rechte zu. So durfte die Kirche sich - wenngleich reglementiert - im Rundfunk und im Fernsehen artikulieren. Auch die Seelsorge in den Gefängnissen und staatliche Zuschüsse für evangelische Kindergärten wurden garantiert. Gleichwohl wird das Treffen bis zum heutigen Tag äußerst kontrovers beurteilt. Manche Regimegegner sahen darin sogar eine "Anbiederung" an den DDR-Staat. "Dass wir mit dem obersten Vertreter der DDR überhaupt gesprochen haben, war für manch einen schon zu viel", räumt Schönherr heute ein.
Der Vorstand des Kirchenbundes habe aber das Gespräch mit dem Staat suchen müssen. "Wenn wir etwas für die Christen in diesem Staat mit der atheistischen Partei erreichen wollten, brachte kein Hinweis auf die Gesetze oder die Verfassung etwas. Weiter kamen wir nur mit Gesprächen und zitierfähigen Worten, am besten natürlich aus dem Mund des höchsten Repräsentanten."
Die evangelischen Kirchen hatten, wie es der frühere Thüringer Landesbischof Werner Leich später beschrieb, lange Zeit versucht, eine Art Inseldasein in der DDR zu führen. "Wir sahen die Teilung Deutschlands als etwas Vorübergehendes an, hofften auf die Wiedervereinigung und wollten als Kirche überleben", heißt es in seinen Erinnerungen.
Nach der Anerkennung der DDR schien dieser Traum ausgeträumt. Da es in der DDR keine Oppositionspartei gab, fiel der Kirche, so Leich, die Rolle zu, "Mund der sprachlos Gemachten" zu sein. Es gab viele Fragen, in denen Anliegen der Bürger gegen den eigenen Staat vorzubringen waren - angefangen vom immer wieder angefochtenen Recht auf Gewissens- und Glaubensfreiheit über die Verweigerung des Wehrdienstes bis zu den Verhältnissen im Strafvollzug.
Honecker sagte auf dem später historisch genannten Treffen die gleiche Behandlung aller Staatsbürger zu, erzählt Schönherr. Die Praxis, das wurde von den Vertretern der Kirche in dem Gespräch beklagt, sah freilich anders aus. Häufig wurden Christen in der schulischen Ausbildung oder in ihrer beruflichen Entwicklung behindert. Schönherr sagte damals zum Schluss seiner viel beachteten Rede: "Das Verhältnis von Staat und Kirche ist so gut, wie es der einzelne christliche Bürger in seiner gesellschaftlichen Situation vor Ort erfährt."

Kirche errang Spielraum
Auch nach dem Spitzengespräch wurde der Grundsatz der Gleichbehandlung aller Bürger immer wieder verletzt. Auf den "Geist des 6. März" sollten sich Kirchenvertreter deshalb später bei Problemen gegenüber SED-"Betonköpfen" immer wieder berufen. Die Kirche erreichte aber letztlich einigen Spielraum. Mit den Äußerungen Honeckers hatten die Christen in den Gemeinden "etwas in der Hand, womit sie ihren Parteisekretär zum Schweigen bringen konnten. Nach dem Gespräch vom 6. März 1978 waren wir etwas freier geworden", meint Schönherr, "ein erster Vorbote des Wendeherbstes 1989".