Die Mitglieder des UN-Sicherheitsrates folgen in New York dem Vortrag und den Vorführungen von US-Außenminister Colin Powell .Die Vereinten Nationen stehen am Scheideweg, genau wie US-Präsident George W. Bush das vorausgesagt hatte: „Entweder ihr seid mit uns oder ihr seid belanglos.“
US-Außenminister Colin Powell suchte seine Argumentation mit Hilfe von Fotos, Zeichnungen, Grafiken, Satellitenaufnahmen und Tonbandmitschnitten zu belegen. Alles, was sie wüssten, könnten die USA der Welt nicht zeigen, sagte Außenminister Powell.
Doch was sie zeigten, war für Experten durchaus nicht überraschend. „Das hätten wir mit unseren Unterlagen auch fast alles vorführen können“ , hieß es in Kreisen der UN-Waffenexperten. „Dass uns die Iraker ständig abhören, dass sie versuchen, uns zu täuschen, haben wir schon vor Beginn der Mission gewusst.“ In einem Punkt stimmten zwar alle 15 Mitglieder das Rates überein: Saddam Hussein könne man einfach nicht über den Weg trauen. Doch eine Änderung der Mehrheitsmeinung im Sicherheitsrat war aus den Erwiderungen der Außenminister auf den Vortrag Powells noch nicht ersichtlich.

Eigene Experten sollen prüfen
Zunächst werde man in aller Ruhe die amerikanischen Darlegungen durch eigene Experten prüfen müssen, erklärten die Außenminister Russlands und Frankreichs, Igor Iwanow, und Dominique de Villepin. Die Inspektionen müssten weitergehen. Noch würden nach deutscher Einschätzung nur vier Mitgliedstaaten des Sicherheitsrates für ein UN-Mandat zur Gewaltanwendung gegen Bagdad stimmen - neben den USA und Großbritannien auch Spanien und Bulgarien.
Doch das könnte sich in den kommenden Wochen ändern. Angesichts der Entschlossenheit der Supermacht USA macht sich in den UN-Korridoren Zynismus breit. „Man fragt sich nicht mehr, ob das nun überzeugende Beweise sind oder nicht, sondern nur noch, wer mit auf den Kriegszug aufspringt“ , sagt ein hochrangiger westlicher UN-Diplomat. „Und man hört auch, dass ein Krieg mit UN-Mandat vielleicht besser wäre als eine Weltorganisation, die bedeutungslos neben der Weltmacht USA vor sich hin debattiert.“
Der Bush-Regierung sei es mit ihrer massiven Kampagne gelungen, „eine Aura der Unvermeidbarkeit zu schaffen“ , sagt der Politikwissenschaftler John J. Mearshheimer von der Universität Chicago. „Die Kriegsgegner könnten das Handtuch werfen.“ Um das zu erreichen, wolle Powell in den nächsten Tagen „den diplomatischen Druck auf die Mitglieder des Sicherheitsrates weiter erhöhen, damit sie die Beweise als ausreichend akzeptieren“ , schrieb die „New York Times“ .
Schon bald dürfte der amerikanisch-britische Entwurf einer weiteren Irak-Resolution auf dem Tisch des Sicherheitsrates liegen, mit der das grüne Licht zum Angriff erteilt werden soll. Während der militärische Aufmarsch am Golf in seine letzte Phase geht, konzentrieren sich die politischen Bemühungen Washingtons und Londons vor allem auf die drei anderen Veto-Mächte - Frankreich, Russland und China.
Nach Einschätzung von UN-Diplomaten sind die Chinesen im Stillen längst auf eine Stimmenthaltung eingestellt.
„Dass Frankreich als ständiges Mitglied des Rates sich am Ende tatsächlich durch ein Veto von den USA lossagt und allein mit Deutschland in der Ecke steht, glaubt kaum jemand“ , sagt ein westeuropäischer Diplomat.

Unterstützung für USA
In Moskau dürfte der diplomatische Coup nicht übersehen werden, der gestern als Begleitmusik zu den US-Bemühungen um eine neue Resolution abgespielt wird. Zehn Staaten Ost- und Südosteuropas kündigten nach dem Beispiel von acht EU-Ländern und -Kandidaten eine Erklärung zur Unterstützung für die Bemühungen der USA um die Entwaffnung des Iraks an.