Man hört sofort, dass der junge Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) sich gründlich auf seine Aussage im NSU-Prozess vorbereitet hat. Es geht um das Leben des Trios im Untergrund, bevor die Serie mit zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen begann. Minutenlang referiert der 28-Jährige am Mittwoch im Münchner Oberlandesgericht über Verdächtige und Vernehmungen, über Skinheads in Chemnitz und abgehörte Telefone. Er nennt aus dem Effeff die Nummern der Anschlüsse, dazu vielstellige Asservatennummern beschlagnahmter Computer und Autokennzeichen. Und dann wird er jäh unterbrochen.

Rechtsanwalt Wolfgang Stahl, einer der Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, ergreift das Wort. Der Zeuge möge sich, wie es das Gesetz vorschreibt, auf "Tatsachen beschränken, die er selbst erlebt habe und keine Schlussfolgerungen ziehen". Der Vorsitzende Richter möge ihn bitte darauf hinweisen.

Richter Manfred Götzl reagiert zunächst sauer. Es folgen teils hitzige Wortgefechte. Götzl argumentiert, der Zeuge solle erstmal einen "Überblick geben", worauf Stahls Kollege Wolfgang Heer, an Götzl gerichtet, in den Saal ruft: "Sie versuchen, uns vorzuführen". Und gleich darauf: "Sie beleidigen uns! Unglaublich!"

Was die Anwälte aufregt ist der Umstand, dass der Zeuge im wesentlichen aus Aktenmaterial referiert, was aber nicht die Aufgabe von Zeugen ist. Vielmehr sollen sie aus dem Gedächtnis beantworten, was sie zur Sache beizutragen haben. Als Richter Götzl dann nachfragt, seit wann der Beamte eigentlich an dem "Blood & Honour"-Komplex ermittle, antwortete der, er habe seit "Mitte, Ende 2012" damit zu tun. Da waren aber alle wesentlichen Ermittlungen zu der inzwischen verbotenen rechtsextremen Organisation "Blood & Honour" längst erledigt.

Als dann die Verteidiger das Fragerecht erhalten, wird schnell deutlich, dass der Beamte aus eigener Erinnerung wenig zum Thema beitragen kann. Wo er seine Berichte über abgehörte Telefone herhatte? "Müsste ich nachgucken". Ob ihm das Originalprotokoll vorgelegen habe? "Nein". Wo die Erkenntnisse über einen bestimmten Verdächtigen herstammten? "Alt-Akte Landeskriminalamt Thüringen". Ob er mal versucht habe, selber eine fehlende Information zu ermitteln? "Mit einem Beamten des LKA Sachsen telefoniert". Wie dieser Beamte hieß? "Kann ich mich nicht erinnern", sagte der Zeuge, der in seinem Vortrag noch flüssig zahlreiche Details aufgezählt hatte.

Am Ende hagelt es massive Kritik der Verteidiger - weniger an dem jungen Polizisten, sondern an der Arbeit des Bundeskriminalamtes insgesamt. Dessen Spitze habe "abermals" einen seiner Beamten in den Zeugenstand geschickt und ihm den Auftrag erteilt, aus den Akten "einen Vortrag zu halten mit Details bis zu Telefonnummern, die erkennbar auswendig gelernt sind". Noch schlimmer sei, dass die Behörde in einer Art "Copy and Paste" altes Aktenmaterial immer wieder reproduziere, statt aktiv zu ermitteln.

Als Beispiel nennt Stahl - aus Verteidigersicht verständlich - den Gebrauch der Formulierung "das Trio". Da werde nicht unterschieden, ob tatsächlich alle drei Mitglieder des NSU-Trios an allen Ereignissen oder Kontakten beteiligt seien oder ob vielleicht manches nur Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt oder Zschäpe betreffe. Das ziehe sich "wie ein roter Faden" durch die Ermittlungsakten.

Die Verteidigung von Ralf Wohlleben deutet dann sogar Konsequenzen für das Verfahren an. "Die heutige Vernehmung hat uns kein Stück weitergebracht", kritisiert Rechtsanwältin Nicole Schneiders. Ein kompletter Vormittag sei "verschwendet worden". Das sei bedenklich, weil es gegen das "Beschleunigungsgebot" verstoße. Dieser Punkt ist tatsächlich heikel, denn er berührt die jetzt seit fast drei Jahren andauernde Untersuchungshaft für Wohlleben und Zschäpe. Die zwingt das Gericht tatsächlich, zügig zu verhandeln.