Eine halbe Stunde saßen sie zusammen, dann war das Treffen vorbei. Man habe über das Wetter gesprochen, resümierte Franz Müntefering nicht ganz im Ernst. Und auf die Frage, was er noch für die SPD tun werde: „Ich kümmere mich um alle Wähler.“ Mehr wollte der 68-Jährige nach seinem Gespräch mit Parteichef Kurt Beck im Anschluss an eine Gedenkfeier für Johannes Rau in Wuppertal nicht sagen. Kein Wort zu seinen politischen Plänen. Kein gemeinsamer Auftritt vor Journalisten. Eine Erklärung: Müntefering trauert um seine vor gut drei Wochen gestorbene Frau Ankepetra.
Die Kanzlerkandidatur, die Linke – und die Suche nach einer Rolle für Müntefering. Fünf Wochen vor der wichtigen Landtagswahl in Bayern suchen Beck und die SPD weiter nach Wegen aus der Krise. Zwei SPD-Oldies meldeten sich mit Tipps zum Umgang mit der Linken und Anmerkungen zum Zustand der Partei zu Wort. Der frühere Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau sieht die SPD im „Jammertal“. Der hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti bescheinigt er Wortbruch, weil sie entgegen früherer Zusagen an einem Bündnis mit der Linken bastelt. Und Ex-Parteichef Björn Engholm rät Beck: Für ein Linksbündnis gegen die bürgerliche Mitte „müssen wir vollkommen offen sein“.
Für Beck, der sich seit Monaten darum bemüht, den Eindruck zu zerstreuen, die SPD könne nach der Bundestagswahl gemeinsame Sache mit der Linkspartei machen, kann solcher Rat nicht willkommen sein. Zumal die CSU im bayerischen Wahlkampf keine Gelegenheit auslässt, das Schreckgespenst einer Zusammenarbeit der SPD mit der Linken an die Wand zu malen. Auch Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) verlangt vom Koalitionspartner Klarheit im Umgang mit der Linken: „Die SPD ist leider kein verlässlicher Partner mehr“, mäkelt er in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.
Als ob die Haltung zur Linken, der Wirbel um einen Parteiausschluss von Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und die ungelöste Frage der Kanzlerkandidatur nicht genug wären, kochen die Spekulationen über ein Comeback von Müntefering hoch. Beck hat in einem Interview zwar klargemacht, was „Münte“ aus seiner Sicht nicht werden solle: Wahlkampfmanager. Zugleich lobte er den früheren Vizekanzler als „hoch erfahrenen Mann“.
Umfragen zeigen Beck, dass er den in der Partei immer noch populären Müntefering nicht übergehen kann: Nach einer Erhebung für den „Spiegel“ wünschen sich 61 Prozent der SPD-Anhänger dessen Rückkehr an die Spitze der Partei. Und ein ebenso großer Anteil der Wähler ist nach einer Umfrage für „Bild am Sonntag“ überzeugt, dass Müntefering ein besserer SPD-Chef wäre als Beck. Nur 36 Prozent halten den amtierenden Vorsitzenden für stärker.
Der frühere Arbeitsminister, der wegen der Krankheit seiner Frau im November alle Ämter aufgegeben hatte, meldet sich nach ihrem Tod nur mit ganz wenigen Auftritten zurück auf die politische Bühne. Doch schon in eineinhalb Wochen will er den Wahlkampf der bayerischen SPD in München unterstützen und nach der Sommerpause seine Arbeit als Bundestagsabgeordneter wieder voll aufnehmen. Voraussichtlich im Oktober wird Müntefering laut „Spiegel“ ein Buch veröffentlichen, in dem er seine politische Vision für die SPD nach der „Agenda 2010“ beschreibt. Arbeitstitel: „Blick nach vorn“.