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| 01:39 Uhr

„Mückenplagen gibt es nicht mehr“

Mückenplagen gibt es im Spreewald nicht mehr. Sagt das Biosphärenreservat. Foto: dpa
Mückenplagen gibt es im Spreewald nicht mehr. Sagt das Biosphärenreservat. Foto: dpa FOTO: dpa
Lübbenau. Manchem ist die gemeine Stechmücke die bleibendste Erinnerung an einen Spreewald-Besuch. Plagegeist und Hoffnungsträger – zu oft, sagen Fachleute, werden aus Spreewälder Mücken Elefanten gemacht. Dabei haben sich die Bedingungen für eine Plage grundlegend verändert. Von Jan Gloßmann

Das feine Sirren und juckende Pieksen hat auch der Rockröhre Julia Neigel zugesetzt: Die Sängerin war bei ihrer Spreewald-Premiere ein Opfer der Miniviecher: “Ich bin ganz zerstochen.„

“Typisch„, sagt Michael Petschick vom Biosphärenreservat in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz), “wer das erste Mal im Spreewald ist, der nimmt Mücken viel deutlicher wahr als Leute, die oft hier sind.„

Denn, und das ist die Erfahrung der vergangenen Jahre, “regelrechte Mücken-Plagen gibt es nicht mehr. Die Grundlagen mit den regelmäßigen Sommer-Winter-Hochwassern und den Überflutungen fehlen„, erklärt der Mann der Biosphäre. Damit seien die heutigen Bedingungen nicht mehr mit Plagezeiten wie vor 50 oder 60 Jahren vergleichbar. Allerdings sei das Thema Mücken auch immer “eine Sache des Gefühls„. Jeder reagiere anders, der eine gelassen, der andere sensibel oder gar panisch. Vorsorge sei geraten mit handelsüblichen Produkten oder Hausmitteln, Panik oder Flucht aber unangebracht.

Nach dem Gewitterregen erwartet Petschick nicht, dass “jetzt mehrere Generationen schlüpfen„. Dafür sei die Verdunstung zu groß, die Feuchtigkeit fehlt. Es sei nicht auszuschließen, das vereinzelt mehr Mücken auftauchen als anderswo. “Wer morgens in einer feuchten Wiese spaziert, der merkt das deutlich.„ Auf den Fließen wiederum sei es zumindest morgens den Mücken zu kühl. Warm und feucht ist der Mücken Reich - wer dort hineingerät, kann das schon als Plage empfinden.

Eine Flächen-Bekämpfung von Mücken schließt Petschick aus. “Diese Diskussion machen wir gar nicht erst auf.„ Das widerspreche dem Naturschutz und dem Wasserrecht, vor allem aber dem Bio-Landbau, der im Spreewald nahezu 70 Prozent der bewirtschafteten Flächen ausmacht. Zudem wirke eine großflächige Abwehr auch auf andere Insekten sowie Organismen im Wasser tödlich.

Dabei, sagt Petschick, sind die Mücken ja auch Leben. “Sie sind in einem Feuchtgebiet wie dem Spreewald Voraussetzung für eine gesunde und vielfältige Natur.„ Sie gehören zum Spreewald wie Frösche, Störche oder Singvögel - und ihre Larven sind Hauptnahrung zahlreicher Jungfische. Auch die Störche profitierten von den insgesamt gut 24 Stechmückenarten, die im Spreewald vorkommen.

Deshalb haben es die Mücken wohl auch in eine Untersuchung geschafft, die Studenten der Fachhochschule Potsdam im vergangenen Jahr in einem Buch “Spreewald ID„ vorlegten. Dort heißt es, der Spreewald könne sich als die Region profilieren, die sich am besten mit der Mücken-Abwehr auskennt. Das “Potenzial einer emotional aufgeladenen Produktlinie„ schwebt den Studenten vor: Nur was im Spreewald hilft und von dort kommt, helfe auch anderswo, schreiben die Studenten in ihrer Vermarktungsstudie.

Petschick schmunzelt über solche Sätze, die auf ihre Art elefantös wirken. Helfen aber, das würden die Spreewälder gern. Biosphäre, Tourist-Informationen, Vermieter und jeder Kahnfährmann geben Tipps (siehe Tipps im Kasten).

Und selbst Julia Neigel will gern wiederkommen. Zwar nicht der Mücken wegen, aber ihrem Publikum zuliebe.

Zum Thema:
Michael Petschick vom Biosphärenreservat hat aufgelistet: “Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, sich gegen Mückenstiche zu schützen - von den überall erhältlichen chemischen Mitteln über Hausmittel wie ätherische Öle wie Sandelholz, Anis und Mischungen aus Zitronenöl und Essig sowie Eukalyptusöl, Nelkenöl, Zimtöl oder Lavendelessenz.„ Weiterhin ist lockere, lange Kleidung immer angeraten. Die Blutsauger erkennen Menschen an Geruch, Atem und Körperwärme. “Es stimmt, dass manche Menschen Stechmücken stärker anziehen als andere„, berichtet Heinz Mehlhorn, Professor für Zoologie an der Universität Düsseldorf. “Das liegt am speziellen Geruch ihrer Ausdünstungen.„ “Insgesamt sind es 40 verschiedene Duftstoffe, auf die Mücken abfahren„, sagt Mehlhorn. Dieses spezielle Gemisch variiert von Mensch zu. Mit “süßem Blut„ hat es nichts zu tun, wenn manche Zeitgenossen bevorzugte Opfer von Mücken werden. “Früher haben Forscher in Mückenfallen ungewaschene Socken als Duftköder gelegt„, berichtet Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin: “Testpersonen, die eine ordentliche Dosis Alkohol erwischt hatten, haben beobachtet, dass sie am Morgen danach offenbar besonders attraktiv für Stechmücken waren„, sagt Martin Geier, der an der Uni Regensburg die Arbeitsgruppe “Verhalten von Stechmücken„ leitet.