Moskau rechtfertigt die Anwesenheit seiner Soldaten als Sicherheitsmaßnahme und hofft heute auf Nachsicht der EU. Ernste Sanktionen gegen die Energiemacht sind vorerst jedenfalls nicht in Sicht.
Dennoch ist Russland in dem Konflikt bereits jetzt international isoliert. Weder Weißrussland und Venezuela noch andere Verbündete sind Russlands Linie bisher gefolgt, die völkerrechtlich zu Georgien gehörenden Regionen Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten anzuerkennen. Trotzdem verteidigte Kremlchef Dmitri Medwedew sein Vorgehen am Samstag erneut. Nicht Russland habe das Blutvergießen begonnen, sondern Georgiens Präsident Michail Saakaschwili.
Moskau sei schockiert über das große Ausmaß der Unterstützung für Saakaschwili im Westen, hieß es in der Internetzeitung Gaseta.ru. Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) lieferten laut Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" nun Hinweise darauf, dass Saakaschwili mit seinem Angriff auf Südossetien in der Nacht zum 8. August möglicherweise Kriegsverbrechen begangen habe. Das würde Moskaus Vorwürfe stützen. Allerdings wies die OSZE den Bericht des Nachrichtenmagazins umgehend zurück.
Auch westliche Diplomaten in Tiflis sehen aber angesichts der internationalen Front gegen Russland die Gefahr, dass Saakaschwilis "ernste Fehler" in dem Konflikt zunehmend unberücksichtigt bleiben. Wegen der Okkupation georgischer Gebiete durch russische Soldaten gewinne die in die Nato und EU strebende Führung in Tiflis weiter an Unterstützung.

Nur "symbolische Strafe"
Während das kleine Land Georgien auf politische und finanzielle Hilfe aus Brüssel und Washington für seinen Wiederaufbau setzen kann, dürfte der Druck auf Russland weiter wachsen. Moskau rechnet auf dem Gipfel zunächst nur mit einer "symbolischen Strafe", wie die Zeitung "Kommersant" (Samstag) unter Berufung auf Kremlkreise berichtete. Darunter falle ein mögliches Einfrieren der Verhandlungen über ein neues Partnerschaftsabkommen zwischen der EU und Russland.
Der russische Regierungschef Wladimir Putin warnte in einem Interview mit dem ARD-Fernsehen vor dem Gipfel, wirtschaftliche Sanktionen brächten Nachteile für alle. Russland ist auf das Geld für seine Energie- und Rohstoffexporte in den Westen angewiesen. Auf der anderen Seite ist die Abhängigkeit der EU von den Ressourcen groß - die Gemeinschaft bezieht 42 Prozent ihrer Gas- und 33 Prozent ihrer Rohöleinfuhren aus Russland. Westliche Unternehmerverbände in Moskau warnen angesichts des attraktiven russischen Marktes vor Sanktionen, weil damit nicht zuletzt auch Jobs in Westeuropa in Gefahr seien.
Das Instrumentarium an möglichen Strafen gegen Russland ist groß: Ausschluss aus der G8, eine Blockade für den Beitritt zur Welthandelsorganisation und ein Stopp von Kapitalzufuhren an russische Banken. Andererseits ist auch Russland nicht machtlos gegen den internationalen Druck - der Westen ist angewiesen auf Moskau etwa bei Überflugrechten und bei der Zusammenarbeit in internationalen Streitfragen wie dem iranischen Atomprogramm.
Weit verbreitet ist in Moskau die Meinung, dass eine "zahnlose Verurteilung" aus Brüssel für Russland im Grunde einen moralischen Sieg bedeuten würde. Experten warnen davor, dass sich in einem solchen Fall Moskaus Druck auf andere frühere Sowjetstaaten wie die ebenfalls in die Nato strebende Ukraine erhöhen könnte. Traditionell sind die EU-Staaten in der Frage des Umgangs mit Russland gespalten.

Kein Zeichen von Deeskalation
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und sein Moskauer Amtskollege Sergej Lawrow sowie Medwedew und der britische Premier Gordon Brown sprachen sich zwar am Wochenende für ein Ende der Spannungen aus. Doch Zeichen einer echten Deeskalation gab es nicht. Putin bekräftigte zudem seine These, dass die in den USA regierende Republikanische Partei im aktuellen Wahlkampf ein konkretes Interesse an einem Feindbild Russland habe, um ihrem Präsidentenkandidaten John McCain durch Angstgefühle neue Wähler zuzuführen.
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