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Moskau flößt wieder Furcht ein

Weißrussische Militärfahrzeuge fahren am 11.09.2017 in Weißrussland durch unwegsames Gelände (genaue Ortsangabe unbekannt). Russland und Weißrussland halten ab dem 14.09.2017 ein gemeinsames Truppenmanöver mit dem Namen „Zapad 2017“ an der Grenze zum Baltikum und Polen ab.
Weißrussische Militärfahrzeuge fahren am 11.09.2017 in Weißrussland durch unwegsames Gelände (genaue Ortsangabe unbekannt). Russland und Weißrussland halten ab dem 14.09.2017 ein gemeinsames Truppenmanöver mit dem Namen „Zapad 2017“ an der Grenze zum Baltikum und Polen ab. FOTO: Uncredited (Vayar Military Agency)
Moskau. In Weißrussland beginnt an diesem Donnerstag das großangelegte russisch-weißrussische Manöver „Zapad 2017“. Die Diskussionen im Vorfeld waren groß. Wie ist die Sichtweise in Russland? Unser Korrespondent in Moskau berichtet. Klaus-Helge Donath

Es war zu erwarten. Dem großangelegten russisch-weißrussischen Manöver "Zapad 2017" gingen schon im Vorfeld diplomatische Unstimmigkeiten voraus. So wurde Minsks stellvertretender Verteidigungsminister vom Außenministerium eines angrenzenden Staats noch vor Manöverbeginn zur persona non grata erklärt.

Dieser Tweet stellte sich jedoch als Falschmeldung heraus, die ein Vertreter der Außenbehörde des Staates "Weischnoria" in die Welt gesetzt hatte.

Im Manöver Drehbuch des russischen Generalstabs ist "Weischnoria" einer von drei Staaten an der belorussischen Westgrenze, die es auf Destabilisierung bei den östlichen Nachbarn abgesehen haben. Nach der Ukraine, deren Revolution nach russischer Sicht vom Westen angefacht wurde, wollen Aufrührer nun auch das Regime in Minsk zu Fall bringen.

Der Tweet ist einer von Hunderten humorvoller Beiträge, die im Internet die Scharmützel im Manövervorfeld aufgreifen.

Vom 14. bis zum 20. September finden die Übungen statt. Offiziell sind an "Zapad" 12700 Soldaten beteiligt: 7200 Weißrussen und 5500 Russen, von denen 3000 auf weißrussischem Gebiet eingesetzt werden.

Es gibt jedoch berechtigte Zweifel daran, ob die Zahlenangaben des russischen Außenministeriums dem tatsächlichen Umfang entsprechen.

Denn auch in der Exklave Kaliningrad, in Pskow, im Leningrader Verwaltungsgebiet bis hin zur Halbinsel Kola im hohen Norden sind Übungen vorgesehen. Maßnahmen, die Russlands Militärs jedoch als Parallelveranstaltungen deklarieren, die nicht dem Manöver zuzuordnen seien.

Würden mehr als 13000 Militärs an der Übung teilnehmen, müsste Moskau nach dem Wiener Dokument über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen von 2011 ausländische Beobachter über einen längeren Zeitraum zulassen. Russland lud Vertreter der Nato und OSZE zwar ein, doch nur für einen Tag. Minsk sprach unterdessen Einladungen für fünf Tage aus.

Sollte das den belasteten Beziehungen mit dem Westen geschuldet sein? Eine einfache Schikane oder will Moskau etwas verbergen? Der russische Militärexperte Alexander Golts vermutet Letzteres: Seit Jahren würden immer neue Einheiten geschaffen, die Anzahl der Soldaten bliebe aber konstant. Das könne nur bedeuten, "dass die neuen Divisionen unvollständig und noch nicht verteidigungsfähig sind. Das möchte man vor ausländischen Beobachtern vielleicht verbergen", meint Golts.

An Transparenz und Offenheit mangelt es. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sprach letzte Woche in Estland von etwa 100 000 Soldaten, die zum Einsatz kommen könnten. An früheren Truppenübungen "Zentr 2015" und "Kawkas 2016" waren ebenfalls so viele Soldaten beteiligt.

Frederick Hodges, Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, warnte unterdessen vor einem "trojanischen Pferd". Was als Verteidigungsmaßnahme deklariert wurde, könnte auch eine Vorübung sein, um später das Baltikum und Polen zu besetzen, so der General.

Spekulationen und Ängste schlagen seit Wochen hoch.

Die Nervosität ist nicht grundlos: 2014 nutzte Russland ein Manöver an der Westgrenze, um die Einnahme der Halbinsel Krim vorzubereiten und den Donbas zu besetzen. 2008 bot eine Großübung im russischen Kaukasus das Vorspiel für den Überfall auf Georgien.

Gerüchte kursieren diesmal, Moskau könne nach dem Manöver beim Bundesgenossen Weißrussland Truppen und Waffen für den Ernstfall Notfall zurücklassen. Minsk spurt nicht immer, wie der Kreml sich das wünscht. Auch die Ukraine fürchtet, Russland könnte von Norden mit Grenzverletzungen provozieren und Minsk zwingen, S-400 Raketen aufzustellen. Moskau würde dann den gesamten ukrainischen Luftraum beherrschen. Bislang sind dies nur Spekulationen.

Erstaunlich ruhig reagieren dagegen die Balten. Der estnische Untersekretär für Verteidigung, Kristjan Prikk, hält "Zapad" weder für Estland noch die Nato für eine Bedrohung. Auch sieht er in dem Manöver keinen Vorwand für einen Angriff.

Der US Militärexperte Michael Kofman vom CNA (Center for Naval Analyses) rückt überdies die Dimensionen noch einmal zurecht. Es entstünde leicht der Eindruck, dass 100 000 kampfbereite Soldaten an der Grenze zur Nato stünden. Tatsächlich seien die Truppen jedoch über ein großes Gebiet verteilt. Auch der Katastrophenschutz, der Geheimdienst FSB, die Baltische Flotte und andere Gattungen gingen in die Zählung ein.

Dass das militärische Großereignis nur alle vier Jahre stattfindet, bedauert Kofman. "Zapad" eröffne einen tiefen Einblick in die Bedrohungsängste der russischen Militärs, meint er.

Für Moskau hat sich das Präludium des Manövers schon ausgezahlt: Vielerorts wird ängstlich darüber gesprochen. Moskau flößt Furcht ein.