| 13:43 Uhr

Anklage wegen Mordversuchs
Drogen, Sex und Erinnerungslücken

Der Syrer Mohammed H. wird in Handschellen in den  Verhandlungssaal ins Landgericht Cottbus geführt. Er ist nach der Messerattacke im Juni in Herzberg gegen seine Arbeitgeberin Ilona F.wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Foto: Ch. Taubert
Der Syrer Mohammed H. wird in Handschellen in den Verhandlungssaal ins Landgericht Cottbus geführt. Er ist nach der Messerattacke im Juni in Herzberg gegen seine Arbeitgeberin Ilona F.wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Foto: Ch. Taubert FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus. Der Syrer Mohammad H. erklärt sich vor Gericht zur Anklage wegen Mordversuchs an Friseurmeisterin in Herzberg. Von Christian Taubert

Der Prozess gegen den Syrer Mohammad H. hat am Donnerstag vor dem Landgericht Cottbus zumindest Erklärungsversuche geliefert, weshalb der 39-jährige Friseur seine Chefin mit einem Rasiermesser lebensgefährlich verletzt hat. Was bisher als unerklärlich galt, weil der Familienvater aus Damaskus in den Medien als ein Beispiel für eine gelungene Integration dargestellt wurde, erscheint vor dem Hintergrund von Drogen und Sex plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus klagte den seit Juni in Untersuchungshaft sitzenden Syrer wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung an. In der Anklageschrift wird darauf verwiesen, dass sich das Opfer Ilona F. mit großem Vertrauen zur Massage auf ein Bett im oberen Stock des Kosmetik- und Friseursalons gelegt hatte. Völlig unerwartet habe ihr Mohammad H. dann mit einem Rasiermesser Schnittwunden am Hals und an der Brust zugefügt. Nach Aussage eines zweiten Syrers J., der ebenfalls in dem Salon arbeitet und der Frau offenbar das Leben gerettet hatte, soll der Angeklagte gesagt haben: „Hättest du mich mal machen lassen.“

Mehr als eine halbe Stunde lang hat sich der Angeklagte über einen Dolmetscher zu den Vorwürfen erklärt. Mohammad H. schilderte – den Kopf gesenkt –, dass er seit einem Jahr in dem Herzberger Salon von Ilona F. gearbeitet hatte. Dort sei er anerkannt und unterstützt worden, zunehmend aber unter Druck geraten. Dazu hätten viele Behördengänge, ein zeitlich verpasster Antrag auf Familienzusammenführung mit Frau und zwei Kindern sowie der Konsum von Drogen geführt.

Syrische Freunde hätten ihn zum Kauf von Drogen – Haschisch, Marihuana und Ecstasy – genötigt. Im Monat habe er dafür mehrere hundert Euro ausgegeben. Die Erläuterungen zu diesem überraschend eingeführten Thema haben die meiste Zeit der Einlassung des Angeklagten in Anspruch genommen. In Syrien habe er höchstens aller zwei, drei Monate einen Joint geraucht. Hier nahm er in letzter Zeit regelmäßig Ecstasy-Tabletten ein. Wobei es nach Angaben des Vorsitzenden Richters in den Ergebnissen der Blutprobe vom Tattag keine Hinweise auf Ecstasy gegeben habe.

An jenem Mittwochabend aber habe Mohammad H. mit seinem Freund Y. erst außerhalb und dann im Friseursalon einen Joint geraucht. Den Tathergang kann der Angeklagte, der an dieser Stelle vor Gericht in Tränen ausbricht, nicht schildern. „Daran habe ich keine Erinnerung“, sagt Mohammed H. Auch nicht daran, dass nach den Angaben von Y., der noch als Zeuge gehört wird, er offenbar weiter auf das Opfer einwirken wollte.

Diese Erinnerungslücken setzen sich fort, als der Vorsitzende Richter den Angeklagten mit dem Vernehmungsprotokoll vom Tag nach der Tat konfrontiert. Kleinlaut räumt Mohammad H. ein, was in Herzberg die Spatzen von den Dächern gepfiffen haben. Mit der Friseurmeisterin Ilona F. – „Sie hat mich wie ihr Lieblingskind behandelt.“ – war es schon nach gut drei Monaten in Herzberg zu einem sexuellen Verhältnis gekommen. Aber nach einem gemeinsamen Urlaub in Barcelona habe der Angeklagte das Verhältnis beenden wollen.

Der Tattag im vermeintlichen Drogenrausch liest sich im Vernehmungsprotokoll der Polizei vom Tag nach der Tat wie ein Date zum Sex. Der Vorsitzende Richter hält Mohammad H. vor, dass er laut dem von ihm unterschriebenen Protokoll an jenem Tag dienstfrei gehabt hatte. Gegen 17 Uhr, so die damaligen Angaben, hätte er eine Verabredung mit Ilona F. in der oberen Etage des Salons gehabt. Er habe das Opfer zur Rückenmassage platzieren lassen, mit dem Ziel – so geht es aus der polizeilichen Vernehmung hervor –, das Leben von Ilona F. zu beenden.

Vor Gericht hat Mohammad H. auch an diese Aussagen keine Erinnerung mehr. „Ich weiß davon nichts. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe“, gibt er mit belegter Stimme Auskunft. Für das Gericht türmen sich Erinnerungslücken, Widersprüche, ein plötzliches Drogengeständnis und ein sexuelles Verhältnis auf – Umstände, die es in den nächsten Verhandlungstagen aufzuhellen gilt.

Unterdessen hat Ilona F. bereits einen Antrag einbringen lassen, nicht in Gegenwart des Angeklagten als Zeugin aussagen zu wollen. Der Prozess, der von zwei Gutachtern begleitet wird, soll am 4. Januar mit der Zeugenvernehmung fortgesetzt werden.