Der Saal in der Heron-Buchhandlung in Cottbus ist am Montagabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Kriminalautor Hans Girod liest aus einem unveröffentlichten Manuskript für ein Buch über Kriminalfälle in der DDR. Girod, einst Dozent an der Sektion Kriminalistik der Humboldt-Universität Berlin, die nach der Wende abgeschafft wurde, beschreibt ein Sexualverbrechen, das sich im Mai 1967 im Spreewald ereignete und schildert die akribische Arbeit der Kriminalisten der Morduntersuchungskommission (MUK) vor Ort. Der BDK nutzt die Veranstaltung im Rahmen des 15. Cottbuser Leseherbstes, um die Öffentlichkeit über die aus seiner Sicht verheerenden Folgen des geplanten Stellenabbaus bei der Brandenburger Kripo aufmerksam zu machen.
Am 4. Mai 1967 wollen die Geschwister Katharina (16) und Christiane (11) aus Groß Köris (heute Landkreis Dahme-Spreewald) mit einem altersschwachen Moped eine Verwandte besuchen, die 15 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt lebt. Doch schon nach wenigen Hundert Metern gibt das Gefährt der Marke "Wiesel" seinen Geist auf. Katharina will das bockige Zweirad bei einem Bekannten abstellen. Sie lässt die jüngere Schwester allein am Straßenrand warten. Als sie Minuten später zurückkehrt, ist Christiane wie vom Erdboden verschluckt.
Stunden später und weit entfernt von Groß Köris wird am frühen Nachmittag ein Forstarbeiter in einem Wald bei Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) vom Schrei eines Kindes erschreckt. Er sucht nach dem Unglücksort, sieht einen Pkw vom Typ "Moskwitsch" mit dem "Z" für Cottbus im Kennzeichen. Dann entdeckt er einen Mann und auf einer grauen Wolldecke ein nacktes kleines Mädchen mit blutverschmiertem Kopf. Couragiert tritt er dem offensichtlichen Gewalttäter entgegen, lockt ihn weg. Zum Glück erwacht das Kind aus der Bewusstlosigkeit, kann fliehen. Wenig später verschwindet der Verbrecher mit seinem Auto.

Verfolgungsjagd
Christiane, das missbrauchte und fast zu Tode geschlagene Mädchen, wird gefunden. Ärzte in Vetschau und Calau retten ihr Leben. Kriminalisten in Calau und Cottbus nehmen umgehend die Ermittlungen auf, fahnden nach dem Täter. Nach einer wilden Verfolgungsjagd quer durch die Republik wird er am nächsten Tag in der Nähe von Grimma gestellt. Anfang 1968 verurteilt das Bezirksgericht Cottbus den Täter zu einer lebenslangen Haftstrafe. Der Verbrecher hatte den sexuellen Missbrauch gestanden. Dank der kriminalistischen Spurenarbeit hatte das Gericht aber keinen Zweifel, dass er Christiane auch ermorden wollte.
Eine ganze Reihe solcher schwerer Verbrechen hat die traditionsreiche Mordkommission in Cottbus in den vergangenen Jahrzehnten aufgeklärt. Hans Jakobitz, der sie über viele Jahre bis zur Wende leitete, ist entsetzt, dass sie jetzt aufgelöst und die Ermittlungen künftig von Frankfurt (Oder) oder Potsdam aus geführt werden sollen. Viele wertvolle, vor allem biologische Spuren, könnten verloren gehen, wenn die Kripo erst Stunden nach der Tat eintrifft, sich vor Ort nicht auskennt, warnt der erfahrene Kriminalist. Wolfgang Bauch, BDK-Vorsitzender in Brandenburg und Kripomann in Cottbus, sieht es nicht anders. Der BDK befürchte "erhebliche Defizite bei der Aufklärung schwerster Verbrechen" und den "Verlust von spezifischen Fachwissen", wenn Kriminalisten quer Beet "vom Fahrraddiebstahl bis zum Mord alles ermitteln sollen". Für Olaf Fischer, Leiter des Polizeischutzbereiches Cottbus und Spree-Neiße, ist unverzichtbar, dass die Einheit von Ermittlern und Kriminaltechnikern erhalten bleibt.

Verbrechen getarnt
Wie wichtig das ist, beweist ein Tötungsverbrechen an einem Mann jüngst in Forst (Spree-Neiße). Möglicherweise wäre es unentdeckt geblieben. Ein Arzt hatte bereits den "natürlichen Tod" auf dem Totenschein vermerkt. Die Ermittler der Cottbuser Kripo hatten Zweifel. Die Cottbuser Staatsanwaltschaft veranlasste die Obduktion. Gerichtsmediziner stellten Gehirnverletzungen offensichtlich durch Gewalteinwirkung als Todesursache fest. Innerhalb von sechs Wochen wurden in nahezu täglicher Arbeit vor Ort drei Tatverdächtige aufgespürt und Haftbefehle gegen sie erlassen.
Bauch erinnert auch an den Fall des toten Dennis in Cottbus, der an Auszehrung starb und zweieinhalb Jahre unentdeckt in einer Tiefkühltruhe lag. "Wir haben mit viel Aufwand das gesamte Umfeld abgeklopft, um neben der Schuld der Eltern auch eine mögliche Mitschuld anderer zu überprüfen", erinnert sich Bauch.
Aus Sicht des BDK ist das Argument von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), durch die Auflösung der Kripo in den beiden Polizeipräsidien Potsdam und Franfurt (Oder) mit ihren Außenstellen unter anderem in Cottbus mehr Kripo vor Ort zu haben, nicht überzeugend. "Wie soll das gehen, wenn 400 Stellen gestrichen werden", fragt BDK-Chef Wolfgang Bauch. Er befürchtet, dass im Gegenteil "normale Kripo" in der Fläche abgebaut und lange Anfahrtswege der Ermittler die Effektivität der Aufklärung schmälern. Es stimme zwar, dass die Kriminalitätsrate in den Jahren zwischen 1994 und 2005 um 30 Prozent zurückgegangen sei, wie aus dem Innenministerium verlautet. Doch die Zahl der schweren Straftaten sei nahezu konstant hoch geblieben, so Wolfgang Bauch. Mord, Totschlag, Raub oder schwere Fälle von Drogenkriminalität würden das Sicherheitsempfinden der Menschen nachhaltig beeinflussen, warnt der BDK-Chef vor den Langzeitfolgen, sollten die Mordkommissionen und weitere Fachkommissariate in Brandenburg und auch in der Lausitz der Rotstiftpolitik der Landesregierung zum Opfer fallen.