Die entscheidende, grausame Szene habe sich der 18-Jährige in einem Film - "American History X" - abgeguckt, las sein Verteidiger vor. Der dritte, ebenfalls 18 Jahre alte Angeklagte gab nur zu, geschlagen zu haben. Alle drei zeigten zumindest äußerlich Reue.
Seinerzeit trank das Trio zunächst bei Bekannten, wie aus den Erklärungen hervorgeht. Dann sei Marinus, der früher in Potzlow wohnte und es einmal wieder besuchte, beschimpft worden. "Sag, dass Du ein Jude bist", forderten die Angeklagten ihn auf. Irgendwann bejahte der 16-Jährige das, woraufhin alle drei auf ihn einschlugen. In der Morgendämmerung fuhren die Angreifer nach Hause, kehrten jedoch zurück, um Marinus abzuholen.
Auf der Rückfahrt kamen sie an einem leer stehenden Stall vorbei, wo die Auseinandersetzung schließlich eskalierte. Der jüngere der Brüder räumte ein, dass er seinen Kumpel Marinus wie im Film "American History X" in einen Stein beißen ließ und "im Blackout" auf seinen Kopf sprang. Danach habe er zwei Mal einen Betonstein auf Marinus geworfen. Die Leiche versteckten die Angeklagten in einer Jauchegrube. Der Vorfall wurde vier Monate später bekannt.
"Die Tat hat mich sehr belastet, ich konnte nachts nicht schlafen", heißt es in der Erklärung des jüngeren der Brüder. Deshalb habe er schließlich einige Mitschüler zu der Grube geführt.
Laut Anklage betrachteten Marinus' Peiniger ihn wegen einer Sprachstörung, seinen Hip-Hop-Hosen und der blond gefärbten Haare als "Untermenschen". "Ich war selbst mal wie ein Hip-Hopper gekleidet. Was sich an dem Abend ereignet hat, verstehe ich selbst nicht", sagt der jüngere der Brüder heute. Laut Anklage, die den Beschuldigten ein rechtsextremistisches Motiv unterstellt, hatten alle drei Angeklagten damals kahl rasierte Köpfe, trugen Springerstiefel und Bomberjacken. Vor Gericht erschienen die jungen Männer jetzt ohne dieses Outfit.
Für die Verteidiger der angeklagten Brüder ist das Verbrechen nicht eindeutig rechtsradikal motiviert. "Das ist ein kompliziertes Beziehungsgemenge", meint Anwalt Matthias Schöneburg. Sein 24-jähriger Mandant hat den Abschluss der siebten Klasse, der 18-jährige Bruder die achte Klasse geschafft. "Der Jüngere und der Marinus waren oft zusammen, bastelten an Mopeds und haben noch am Abend zuvor gemeinsam versucht, ein Auto zu stehlen", verdeutlicht Anwalt Volkmar Schöneburg, die Verteidiger sind Brüder.
Beide halten die Anklage für "sehr oberflächlich". Den Alkohol, das schwierige Verhältnis der Brüder und das Hinzukommen des anderen 18-Jährigen - der die Gruppendynamik störte - halten sie bei der Motivlage für entscheidender. "Gerade das ambivalente Verhältnis der Brüder bedarf umfassender Aufklärung", merkt auch Richterin Ria Becher an.
Der Prozess wird morgen fortgesetzt. Bei Mord drohen dem 24-Jährigen lebenslange Haft und den beiden zur Tatzeit Jugendlichen jeweils zehn Jahre Gefängnis.

Hintergrund Der Film "American History X"
 Der Film "American History X" des britischen Filmregisseurs Tony Kaye diente den wegen Mordes angeklagten Brüdern im Potzlow-Prozess laut Staatsanwaltschaft als Vorbild. Er kam 1999 in die deutschen Kinos. Der Streifen beschreibt Rassenhass, Gewalt und Antisemitismus in den USA. Edward Norton spielt den weißen Rassisten Derek Vinyard, der seine Einstellung offen auf die Brust tätowiert hat: ein schwarzes, großes Hakenkreuz. Derek lebt mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen. Als drei Schwarze sein Auto stehlen wollen, mordet er kaltblütig vor den Augen seines jüngeren Bruders. Die Bluttat bringt dem hasserfüllten Kahlrasierten nicht nur Ehre unter seinen Skinhead-Freunden ein, sondern auch drei Jahre Gefängnis. Dort muss er lernen, dass sich die Rollen vertauschen. "Hier drin bist du der Nigger, nicht ich", belehrt ihn sein schwarzer Mitinsasse Lamont (Guy Torry). Nach der Entlassung hat Vinyard nur noch ein Ziel: seinen kleinen Bruder, der sich ebenfalls den Skinheads angeschlossen hat, von diesem Weg abzubringen.