Die Fahndung nach dem Mörder blieb aber bis gestern ohne Erfolg. Die oppositionelle Zeitung "Nowaja Gaseta", für die Politkowskaja gearbeitet hatte, kündigte eine eigene Suche nach dem Täter und seinen Hintermännern an.
Politkowskaja sei bereits beim Einkaufen vor dem Mord am Samstag von einer unbekannten Frau beschattet worden, berichtete die Zeitung "Kommersant" unter Berufung auf Ermittler. Der Mörder lauerte dann im Flur ihres Hauses auf die Reporterin, die sich mit kritischen Berichten über den Tschetschenien-Krieg einen Namen gemacht hatte. Der russische Präsident Wladimir Putin hat unterdessen US-Präsident George W. Bush eine "objektive" Untersuchung zugesagt. Die Ermittler ergriffen alle "erforderlichen Maßnahmen", um die Umstände des "tragischen Todes" von Politkowskaja zu erhellen, hieß es in einer gestern veröffentlichten Erklärung des Kreml. Politkowskaja soll heute in Moskau beerdigt werden.
Als möglichen Auftraggeber des Mordes nannte die "Nowaja Gaseta" den moskautreuen tschetschenischen Regierungschef Ramsan Kadyrow: "Sie hat sehr viel über ihn geschrieben und gesagt." Allerdings sei es auch möglich, dass der Verdacht speziell auf Kadyrow gelenkt werden solle, um ihn daran zu hindern, Präsident der Teilrepublik im Nordkaukasus zu werden. Kadyrow hatte in der Vergangenheit angeblich Morddrohungen gegen Politkowskaja geäußert.
Die Zeitung erinnerte auf sechs Sonderseiten an die tote Kollegin. "Sie empfand jede Ungerechtigkeit, gegen wen sie sich auch richtete, als persönliche Herausforderung", hieß es einem Nachruf. Der Unternehmer und Politiker Alexander Lebedjew, Miteigentümer der "Nowaja Gaseta", setzte eine Belohnung von 25 Millionen Rubel (740 000 Euro) zur Aufklärung des Anschlags aus. Einschließlich Politkowskaja sind schon drei Mitarbeiter des Oppositionsblattes ermordet worden.
Der andere Miteigentümer des Blattes, der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, sprach von einem schweren Schlag für die Pressefreiheit in Russland. "Dies ist ein echter politischer Mord. Ein Racheakt", sagte Gorbatschow der italienischen Zeitung "La Repubblica". Er lobte Politkowskaja als eine "ernsthafte und sehr mutige Journalistin".
Der Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-russischen Beziehungen, Andreas Schockenhoff (CDU), sah es als "Test für die rechtsstaatliche Entwicklung Russlands", den Mord an Politkowskaja aufzuklären. Schockenhoff gab sich zuversichtlich, dass sich Russland langfristig "zu einem westlichen Staat" entwickeln werde.
(dpa/roe)