Ein Sendemast hat ihr Leben verändert. Seit eine Mobilfunkanlage Schatten auf sie wirft, verspüren Anwohner der Leipziger Straße in Finsterwalde eine „totale Unruhe“ , klagen über „Nervosität und Mattigkeit“ , finden nicht mehr in den Schlaf. „Es ist die Hölle“ , sagt eine Anwohnerin, die namentlich nicht genannt werden will. „Ich gehe zu Bett, nicke ein, stehe wieder auf, schaue fern, schlafe wieder ein, werde wach und so fort. Morgens bin ich immer total zerschlagen.“
Derartige Klagen sind in der Region kein Einzelfall. Die Zahl derer, die gesundheitliche Beschwerden wie Bluthochdruck oder Konzentrationsstörungen auf den Elektrosmog zurückführen, nimmt zu. Und auch der Druck auf die Mobilfunk-Netzbetreiber wächst.
In Spremberg etwa sammelten besorgte Mieter eines Hochhauses Unterschriften, nachdem sie sich durch einen Mobilfunksender um ihren Schlaf gebracht sahen. In Kühnicht bei Hoyerswerda machte erst das Verwaltungsgericht in Dresden den Weg für den umstrittenen Bau eines Funkturmes frei, gegen den zwei Anlieger geklagt hatten. Auch in Rückersdorf bei Doberlug-Kirchhain wehrte sich eine Bürgerinitiative gegen die Sendemasten. Der Bürgermeister musste sich öffentlich für die Antennen rechtfertigen.

Proteste gegen Kirchen
„Das ist doch rücksichtslos, die mitten in ein Wohngebiet zu stellen“ , schimpft die Rückersdorfer Anwohnerin Ruth Stefan noch heute, während Edelgard Rietze aus Doberlug-Kirchhain erklärt: „Wenn schon Fachleute Bedenken haben, dann darf Otto-Normal-Bürger sich doch wohl erst recht Sorgen machen. Ich möchte auf jeden Fall zu denen gehören, die rechtzeitig den Mund aufgemacht haben.“
Selbst die Kirche, die aus Türmen ihrer Gotteshäuser in Cottbus-Sielow, Calau, Seelow, Werben, Doberlug-Kirchhain oder Laubusch bei Hoyerswerda funkt, muss sich inzwischen mit Protesten auseinandersetzen. So hat sie nach Einsprüchen besorgter Bürger den Ausbau der Mobilfunk-Sendeanlage in einer Kirche zum Beispiel im berlinerischen Lichterfelde gestoppt, obwohl sie selbst zu dem Schluss gekommen war, dass die größere Anlage nicht gesundheitsschädlich gewesen wäre.
Die Ängste der Bürger sind für die Mobilfunkfirmen zunehmend ein Problem. Bei der mehr als 50 Milliarden Euro teuren Ersteigerung der UMTS-Lizenzen hatten sie sich verpflichtet, ein bundesweites Netz aufzubauen. Da ein UMTS-Sendemast eine Reichweite von nur etwa einem Kilometer hat, muss der Antennenwald nun vor allem dort, wo viele wohnen, aufgeforstet werden – in den Städten. Und das möglichst bald, um über neue Kunden die UMTS-Lizenzkosten wieder hereinzuholen.
Etwa 490 Mobilfunkanlagen funken derzeit in Cottbus und den Kreisen Oberspreewald-Lausitz, Spree-Neiße und Elbe-Elster. Allein in Cottbus sind es schon mehr als 80. Weitere Standorte werden hinzukommen. Denn bis 2005 müssen 50 Prozent der Bevölkerung mit UMTS versorgt sein, wie vereinbart worden ist. „Dazu müssen wir jetzt in die Städte mit 10 000 bis 20 000 Einwohnern“ , sagt Steffen Branse, bei E-Plus für die Region zuständig. Mit 2000 bis 3000 Euro Mieteinnahmen im Jahr kann ein Standorteigentümer rechnen.
Doch der Kampf um neue Plätze für Mobilfunkanlagen wird immer heftiger ausgetragen. „Weil die benachbarten Grundstücke an Wert verlieren“ , wie Ruth Stefan von der Rückersdorfer Bürgerinitiative erklärt. Wegen möglicher Gesundheitsrisiken seien vor allem aber auch Sendemasten auf Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern umstritten. Denn darüber, ob die Strahlen für den mobilen Telefonverkehr krank machen können oder nicht, sind Experten uneins.
Einerserseits haben mehr als 1000 deutsche Ärzte den „Freiburger Appell“ unterzeichnet, mit dem sie einen Stopp des Netzausbaus, ein Handyverbot für Kinder und eine massive Reduzierung der Grenzwerte für elektromagnetische Strahlung, die vom Mobilfunk ausgeht, fordern. Eine amerikanische Studie belegt, dass das Handy am Ohr die Entstehung von Gehirntumoren begünstigt.
Zwei andere voneinander unabhängige US-Studien geben indes Entwarnung. Sie konnten keine derartige Verbindung nachweisen. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) hat jüngst, nachdem der Forschungsstand aktualisiert worden war, die bestehenden Grenzwerte bestätigt.
„Und diese Werte unterschreiten wir ohnehin von uns aus noch um das 500- bis 700-fache“ , sagt T-Mobile-Sprecher Georg von Wagner, der wie Ullrich Obst, Leiter des Cottbuser Amtes für Immissionsschutz, die Ursache für die Beschwerden einiger Bürger eher im Psychologischen sieht.
Verständnis für die Klagen hat Obst zwar. „Wer sensibel ist und eine Belastung spürt, hat subjektiv Recht“ , sagt er. „Wir setzen uns aber Zuhause freiwillig viel stärkeren Belastungen als den Mobilfunksendern aus“ , schränkt er ein und macht deutlich: „Da ist nichts. Vielleicht sucht der eine oder andere aus Angst vor den unsichtbaren Strahlen eine Begründung für seine Wehwehchen. Dasselbe Phänomen haben wir bei Windrädern, Lärm und Schwingungen beobachtet.“
Peter Neitzke vom Ecolog Institut, das mit dem Bundesamt für Strahlenschutz zusammenarbeitet, ist sich da indes nicht so sicher. Es gebe, erklärt er auf RUNDSCHAU-Anfrage, „deutliche Hinweise“ , dass die von Mobilfunk-Sendeanlagen und Handys ausgehende Strahlung zur „Veränderung der menschlichen Hirnströme und Schlafphasen sowie des menschlichen Erbguts führt“ . Fraglich sei nur, wie man das bewerte. „Die deutsche Strahlenschutzkommission nimmt diese wissenschaftlichen Hinweise nicht sehr ernst“ , sagt Neitzke. „Hätten wir das aber beim Rauchen auch so gemacht, hätten wir bis vor drei Jahren keinen Rauchen-gefährdet-die-Gesundheit-Hinweis auf den Schachteln gehabt.“

Debatte über Grenzwerte
Das Bundesamt für Strahlenschutz ist ob dieser kritischen Töne vorsichtiger geworden. Zwar vertritt die Behörde weiterhin den Standpunkt, dass von den elektromagnetischen Feldern bei Einhaltung der derzeit für den Mobilfunk festgelegten Grenzwerte keine Gesundheitsgefahr ausgeht. „Die möglichen Risiken sind wahrscheinlich klein einzuschätzen. Es ist aber zu berücksichtigen, dass von diesen wahrscheinlich geringen Risiken Millionen von Menschen in Deutschland betroffen sein könnten“ , sagte Behörden-Chef Wolfram König kürzlich. Daher sei es zweckmäßig, die elektromagnetischen Felder so gering wie möglich zu halten, zumal nicht ernsthaft bestritten werden könne, dass Vorsorge notwendig sei. Auch mehr Aufklärung, Information und Forschung tue Not, forderte König.
Begründet oder nicht: Angst eint die Menschen. Die Verunsicherung ist groß, ein Ende der Auseinandersetzung um die Sendemasten ist nicht in Sicht – obwohl von den Mobiltelefonen selbst eine wesentliche stärkere Strahlung als von den Antennen ausgeht und sich der Großteil der 55 Millionen deutschen Handynutzer ein Leben ohne drahtloses Telefon gar nicht mehr vorstellen kann.
Durch eine offensivere Informationspolitik wollen die Mobilfunkfirmen jetzt die Akzeptanz ihrer Sendetechnik verbessern. „Da sehen wir noch Nachholbedarf“ , sagt T-Mobile-Sprecher Georg von Wagner. Und sein Kollege von E-Plus, Steffen Branse, ergänzt: „Die Hauptursache für die Ängste ist, dass die Menschen zu wenig informiert sind. Diese Lücke wollen wir jetzt schließen.“