Brandenburgs Parteienlandschaft ist seit 2009 bunter geworden. 15 Jahre nach dem Ende der Ampelkoalition 1994 kamen zu rot und schwarz von SPD, Linken und CDU wieder grün und blau-gelb von Grünen und FDP hinzu - als Fraktion im Potsdamer Landtag. Beide Parteien haben damals vor allem vom Bundestrend profitiert. Aber in den anderthalb Jahrzehnten außerparlamentarische Opposition ist es ihnen zumindest gelungen, im Land wahrgenommen zu werden und nicht ganz in der Versenkung zu verschwinden.

Bei den Liberalen legt heute niemand mehr die Elle bei den 20 000 Nachwendemitgliedern an. Das ist auch für Linke (einst rund 50 000) und CDU (20 000) kein Maßstab mehr. Aber im Jahr 2000 hatte sich in vielen Parteien Spreu von Weizen getrennt. "Karteileichen" waren aufgearbeitet. Die FDP kam unter 2000 Mitgliedern an. "Seither bewegen wir uns auf etwa 1500 Mitglieder zu", sagt Landesgeschäftsführer Sandro Schilder. Als nach der Bundestagswahl 2009 in kurzer Zeit 194 Mitgliedsanträge gestellt wurden, schien ein Aufwärtstrend zu beginnen. "Doch die Querelen in der Koalition im Bund haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht", erklärt Schilder.

Die große Austrittswelle, wie sie die FDP in den alten Ländern mit Ende der Ära Westerwelle erlebte, "hat es bei uns nicht gegeben. Unsere Sacharbeit im Land wird von den Mitgliedern honoriert". Wie Schilder sieht auch die CDU einen Ausweg aus der Misere darin, junge Leute zu gewinnen. Immerhin haben die Christdemokraten mehr als 1000 Mitglieder seit 2000 verloren. "Dieser Trend ist schwer aufzuhalten", gesteht Dieter Dombrowski ein. Der CDU-Generalsekretär verweist darauf, dass viele aus DDR-Zeiten übernommene Mitglieder "gemerkt haben, nicht mehr zu uns zu gehören. Sie sind von allein gegangen".

Inzwischen sei die Partei deutlich verjüngt, "zwei Drittel der Mitgliedschaft ist neu hinzugekommen". In Kürze fahre er wieder mit fünf Jugendlichen aus seinem Havelländer Kreisverband zum Mitgliederfrühstück der Parteivorsitzenden. Saskia Ludwig hat diese Form der Begrüßung von bis zu 21-Jährigen in der Mitte der Christdemokraten eingeführt.

Auch an den seit 21 Jahren im Land regierenden Sozialdemokraten geht der Aderlass, den die Bundespartei hinnehmen muss, nicht spurlos vorbei. Generalsekretär Klaus Ness stellt zunächst aber klar, dass nur Grüne und SPD echte Neugründungen nach der Wende gewesen seien. In zehn Jahren 7500 Mitglieder zu gewinnen, sei eine Leistung gewesen. Seither geht es auch bei den Sozialdemokraten - trotz eines Sympathieträgers wie Matthias Platzeck an der Spitze - stetig bergab. "Auch Gewerkschaften und Kirchen verlieren Mitglieder", erklärt Ness.

Es gebe bedeutend mehr andere Angebote "und für immer mehr Leute ist die Mitgliedschaft in einer Partei heute oft nur eine Phase im Leben". SPD gleich Arbeiterbewegung - damit sei es vorbei. Der Generalsekretär zeigt sich dennoch zuversichtlich: "Auf unserem jüngsten Parteitag in Falkenberg haben junge Mitglieder mit den Ton angegeben."

Einziger Gewinner unter den Parteien im Landtag sind die Grünen. Noch vor einem Jahr war ihre Kampagne, bis Ende 2011 die 1000-Mitglieder-Schallmauer zu durchbrechen, eher ein Kampfziel. Heute steht der Landesverband bei 931. "Natürlich profitieren wir auch vom Bundestrend", räumt Landesvorsitzender Benjamin Raschke ein. "Vor allem aber trägt unsere Präsenz im Landtag dazu bei, dass grüne Inhalte im Land mehr wahrgenommen werden." Obwohl die Umfragewerte gerade etwas zurückgehen, halte die Eintrittswelle unvermindert an. "Übrigens auch bei Frauen", fügt Raschke hinzu und verweist auf den Frauenanteil von 35 Prozent im Landesverband.

Hierin unterscheiden sich die Grünen zurzeit noch grundsätzlich von der kometenhaft aufgestiegenen Piratenpartei. Sie hat in Brandenburg mit 605 Mitgliedern ein Niveau erreicht, von dem die Grünen fast ein Jahrzehnt lang geträumt haben. "Wir haben einen Anstieg in allen Landesteilen zu verzeichnen", freut sich Landesgeschäftsführer Holger Kipp. Die Partei werde nach dem Einzug der Berliner ins Abgeordnetenhaus mit Mitgliedsanträgen beinahe überrannt. "Wir werden als sinnvolle Alternative zu den etablierten Parteien angesehen", rechnet Kipp damit, dass dieser Trend anhält.

Der große Verlierer im Ranking der Parteimitglieder sind die Linken. Zwar ist die Partei mit 8100 noch immer die mitgliederstärkste. Doch seit dem Jahr 2000 hat sie einen Verlust von mehr als 5000 Mitgliedern hinzunehmen. Aufgrund der Überalterung sei dies keine Überraschung, konstatiert Landesschatzmeister Matthias Osterburg. "Noch immer ist etwa die Hälfte der Mitgliedschaft nicht per E-Mail zu erreichen", deutet Osterburg an, dass sich der Abwärtstrend fortsetzen werde.

Dass im Jahr 2011 weniger Eintritte im Vergleich zu den Vorjahren zu verzeichnen sind, bereitet den Linken schon mehr Kopfzerbrechen. Darauf wollen sie auf einem Parteitag im März 2012 mit einem neuen Konzept reagieren. Wie der Spagat gelingen soll, attraktiver für junge Leute zu werden und zugleich die ältere Mitgliedschaft nicht zu verprellen - das weiß heute noch niemand so genau.

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SPD und CDU im Bund unter 500 000Bereits im Mai dieses Jahres haben die Volksparteien SPD und CDU ein Niveau von jeweils unter 500 000 Mitgliedern erreicht. Das waren im Jahr 2000 noch 250 000 (SPD) bzw. 125 000 (CDU) mehr. Die Linke fiel in diesem Zeitraum von gut 100 000 auf rund 73 000 zurück. Die Mitgliedschaft der FDP blieb im Vergleichszeitraum konstant um 68 000. Die Grünen sind mit einem Zuwachs von fast 15 000 Mitgliedern auf heute mehr als 54 000 gewachsen. Die Piratenpartei zählt inzwischen bereits rund 13 000 Mitglieder.