ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 10:48 Uhr

Grippe - unterschätzte Gefahr
In dieser Saison gibt es den Vierfachimpfstoff auch für Kassenpatienten

Grippeschutzimpfung ist für Schwangere besonders wichtig. Ihr Immunsystem kann Erreger nicht so gut abwehren.
Grippeschutzimpfung ist für Schwangere besonders wichtig. Ihr Immunsystem kann Erreger nicht so gut abwehren. FOTO: dpa-tmn / Franziska Gabbert
Cottbus. Als Infektionskrankheit wird sie immer wieder unterschätzt, dabei kann sie durch stets wandelbare Viren tückisch und für Säuglinge,chronisch kranke und ältere Menschen sogar lebensbedohlich werden: die Grippe. Jetzt ist die beste Zeit, sich dagegen impfen zu lassen. In dieser Saison gibt es auch für Kassenpatienten den Vierfachimpfstoff.

Damit reagiert die Ständige Impfkommission auf die vergangene extrem starke Grippewelle . 20 000 Tote in nur wenigen Monaten, das Robert-Koch-Institut (RKI) geht von 22 900 Toten in der vergangenen Saison aus.

Aktuell gibt es nun eine Empfehlung für einen Vierfachimpfstoff, und zwar nun auch für Kassenpatienten. Bislang hatten oftmals nur Privatpatienten Vierfach-Dosen angeboten bekommen.

Das Problem bei Grippe ist: sie wird allgemein unterschätzt. Ein bisschen Fieber, ein bisschen Husten, ein bisschen Erschöpfung - das geht schon wieder, so der allgemeine Tenor. Geht in vielen Fällen aber nicht.

Dass sich bisher nur ein Drittel der Senioren in Deutschland gegen Grippe impfen lässt, macht das Problem noch größer. „Das Immunsystem altert mit“, sagt Silke Buda vom Koch-Institut. Wer über 60 ist und vielleicht schon andere Krankheiten hat, ist besonders empfänglich für die Viren. „Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten“, betont KI-Präsident Lothar Wieler. Für Personen, die beruflich viel Kontakt mit anderen Menschen haben – wie Ärzte, Krankenschwestern, Pflegekräfte, Lehrer, Erzieher oder Busfahrer – sei die Grippeschutzimpfung wichtig. Eine Empfehlung gibt es auch für Schwangere. Der Vorteil ist, dass dann auch das Baby in den ersten Monaten einen Grippeschutz hat.

Grippe-Risiko im Krankenhaus

In Krankenhäusern gibt es große Impflücken. Nach einer Umfrage des Robert Koch-Instituts lassen sich nur rund 40 Prozent aller Mitarbeiter gegen Influenza immunisieren. Insgesamt werde die Impfung bei Krankenhauspersonal damit nicht ausreichend angenommen, heißt es im jüngsten Epidemiologischen Bulletin des Instituts. Besonders große Defizite zeigten sich beim Pflegepersonal und in therapeutischen Berufen.

Im Ergebnis ließ sich nur knapp ein Drittel der Krankenschwestern und - Pfleger (32,5 Prozent) laut Umfrage gegen Grippe impfen. Nur etwas höher war die Bereitschaft für eine Immunisierung bei therapeutischen Berufen in der Klinik (34,2 Prozent). Innerhalb der Ärzteschaft lag die Impfquote dagegen bei 61,4 Prozent.

Wie hoch die Impfquote der Mitarbeiter im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums (CTK) ist, lässt sich schlecht einschätzen, sagt Pressesprecherin Susann Winter. Manche ließen sich ja auch privat impfen. Auf jeden Fall aber, so Winter, hat das Betriebliche Gesundheitsmanagement auf die vergangene starke Grippewelle reagiert: Es gab schon zwei Aktionen mittags im Speisesaal - da erreiche man eine große Anzahl Mitarbeiter. Ergebnis: 150 haben sich laut Pressesprecherin bereits impfen lassen. Zudem werde man noch einmal gezielt auf die Stationen gehen.

Infektion und Reaktion des Immunsystems
Infektion und Reaktion des Immunsystems FOTO: dpa / dpa-infografik GmbH

Auch im Lausitzer Seenland Klinikum in Hoyerswerda wird in diesem Jahr verstärkt im Haus fürs Impfen geworben. „Wir möchten möglichst umfassend das Personal erreichen“, so Unternehmenssprecher Gernot Schweitzer. Da sei durchaus auch Eigennutz dabei, denn im Vorjahr, erinnert sich Schweitzer, gab es starke Ausfälle beim Personal durch die Grippe.

Doch Impfen allein würde noch nicht alle Probleme lösen. Dass Grippe gefährlich werden kann, hat weitere Gründe.

Lauernde Gefahr:

Vor rund 100 Jahren brachte die Spanische Grippe wahrscheinlich mehr Menschen in Europa um als der Erste Weltkrieg. Das ist im kollektiven Gedächtnis jedoch nicht haften geblieben. Auch wenn die Lebensbedingungen heute viel besser sind und es deutlich mehr Medikamente gibt - Grippe-Seuchen (Pandemien) sind weiterhin möglich. Deshalb untersuchen ausgewählte Laboratorien auf der ganzen Welt ständig zirkulierende Influenzaviren und übermitteln Ergebnisse an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mit diesen Daten legt sie die Zusammensetzung für Impfstoffe jedes Jahr neu fest.

Erreger:

Die Erreger der Influenza sind Viren, die Wissenschaftler in die Typen A, B und C unterteilen. Für Menschen sind die saisonal auftretenden Influenza A- und B-Viren besonders relevant. Sie können durch winzige Tröpfchen - ein Niesen reicht schon - übertragen werden. Tückisch ist vor allem, dass Grippeviren einzelne ihrer Gensegmente schnell verändern können. So entstehen beim Typ A unterschiedliche Subtypen, beim Typ B neue Linien.

Grippewellen:

Die Stärke der Wellen kann von Jahr zu Jahr erheblich schwanken. Früher wechselten sich starke und schwache Saisons oft ab. In den vergangenen Jahren gab es laut RKI mehrere heftige Wellen hintereinander. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) schätzt, dass pro Jahr zwischen einer und sieben Millionen Bundesbürger wegen Grippesymptomen zum Arzt gehen. Im vergangenen Winter lagen die Werte sogar noch darüber - bei geschätzten neun Millionen Besuchen. Bei schweren Grippewellen können in Deutschland mehr als 20 000 Menschen sterben. In milden Saisons ist oft keine vermehrte Sterblichkeit durch Grippe zu belegen.

Impfstoffe:

Für die kommende Grippesaison gibt es von der Ständigen Impfkommission erstmals eine Empfehlung für einen Vierfachimpfstoff - mit jeweils zwei A- und B-Komponenten. Zuvor waren bei Grippewellen in Europa eher A-Subtypen dominant. Deshalb gab es eine Empfehlung für Dreifachimpfstoffe mit zwei A- und einer B-Komponente. Von der „Aufrüstung“ gegen B-Viren profitieren nun auch Kassenpatienten. Zuvor hatten häufig nur Privatpatienten Vierfach-Dosen angeboten bekommen.

Wirksamkeit:

Bei einer sehr guten Übereinstimmung mit dem Impfstoff beobachten Forscher bei jungen Erwachsenen eine Schutzwirkung bis zu 80 Prozent. Ältere Menschen können ihr Risiko im Mittel halbieren - die Wirksamkeit liegt dann zwischen 40 bis 60 Prozent. Passen die Komponenten schlecht, kann die Wirksamkeit deutlich niedriger liegen. In der vergangenen Saison, als eine B-Linie (Yamagata) überraschend dominierte, lag der Schutz gegen dieses eine Virus bei der Dreifachimpfung laut RKI bei einem Prozent. Die A-Komponenten aber blieben wirksam. Eine Impfung gilt trotz dieser Unwägbarkeiten als bester Schutz, den es geben Grippe gibt.

(SvD)