"Die Schüler
erleben, dass die
Erwachsenen das,
was sie ankündigen,
auch wirklich tun."
 Schulleiter Fritz Sperth


"Die Strafe ist angemessen", sagen seine Schulkameraden - und erfüllen ihren Schulleiter Fritz Sperth dabei mit Stolz. Das sei ein Zeichen, dass das Gewaltpräventions-Konzept seiner Schule funktioniere. Es setzt auf Strenge und Spaß.
Im Spielezimmer der Schule "turnen" Schüler mit Begeisterung an Tischfußball, Billardtisch und Flipperautomaten herum. Um sich abzureagieren, dreschen ein paar Heranwachsende auf einen Boxsack ein. Auch am Computer - es gibt ausschließlich gewaltfreie Spiele, etwa Sportwettkämpfe, Autorennen und virtuelle Bewegungsspiele - verbringen einige Schüler freie Zeit während ihres langen Tages an der Ganztagsschule. "Computer spielen gehört zum Alltag der Kinder, besser, sie lernen hier einen vernünftigen Umgang damit", sagt Sperth. Die Spaß- und Spielangebote gehören an der Tübinger Schule zum Alltag - im pädagogischen Konzept sind sie aber nicht viel mehr als das Sahnehäubchen.
"Um etwas von den Kindern verlangen zu können, bieten wir ihnen auch viel an", erklärt der Lehrer Hans Weiblen einen Grundsatz des erfolgreichen Modells. "Ein System, das nur fordert, fördert eher die Aggressivität." Die Schule soll die Hauptschulkinder motivieren - auch in Tübingen stammen sie oft aus einem schwierigen sozialen Umfeld. Sie soll es ihnen ermöglichen, ihre Stärken zu erleben. Die liegen oft nicht in Bereichen wie Mathe oder Deutsch, sondern in Fächern, die nur wenige andere Schulen auf ihrem normalen Stundenplan stehen haben.
Für die fünften Klassen verwandelt sich die Schulaula einmal in der Woche in ein kleines Zirkuszelt. "Wir haben Unterricht im Jonglieren, Diabolo und Einrad fahren", schwärmt die zehnjährige Fatima Akasche. "Das macht ganz viel Spaß." Bei den siebten Klassen steht als reguläres Unterrichtsfach Theater im Stundenplan. Weiblen erklärt: "In solchen Fächern wird schlechten Schülern bewusst: Ich bin erfolgreich und wertvoll."
Die zehn Prozent eines Jahrgangs, die in Tübingen auf die Hauptschule und nicht die Realschule oder das Gymnasium kommen, haben nach Angaben von Schulleiter Sperth alle Probleme. Sei es mit dem Lernen, dem Verhalten oder der Lebensbewältigung. "Kinder, die Probleme haben, neigen dazu Probleme zu machen." Daher hat die Schule ein System von Hilfsprogrammen entwickelt. "Es geht nicht um ein einzelnes Theaterprojekt, sondern um ein integriertes System."
Was damit gemeint ist, verdeutlichen etwa die Arbeitsgemeinschaften (AGs) für Musik, Technik, Kunst. Die Schüler treffen sich außerhalb des regulären Unterrichts in Gruppen. Konzentriert tüfteln sie an technischen Basteleien, pinseln bunte Farben auf die Leinwand oder üben mit Mikrofon und Plattenspieler Hip hop-Songs ein. "Da kommen sogar richtige Breakdancer und zeigen uns, wie das geht", schwärmt die zehnjährige Tugce Canpolat. Solche AGs existieren an den meisten Schulen, in Tübingen gibt es allerdings einen Unterschied: "Für manche Schüler machen wir sie zur Pflicht", erklärt Weiblen. "Wenn wir etwa denken, Trommeln könnte wichtig für die Entwicklung eines Schülers sein, bekommt er eine verbindliche Einladung, regelmäßig daran teilzunehmen."
Um die Schüler für das Lernen zu begeistern, organisiert die Schule regelmäßig Aktionen wie Projekttage. Dabei kann es um die gemeinsame Motorisierung eines Bobbycars oder die Bepflanzung eines Kinderspielplatzes gehen. Auch erlebnispädagogische Ausflüge auf dem Segelboot oder in den Hochseilgarten sind nicht etwa Ausnahmen, sondern gehören zum regelmäßigen Schuljahresprogramm.
Wenn Schüler aus eigener Einschätzung zu wenig Taschengeld bekommen, hilft die Schule ebenfalls. Beim "Projekt bezahlte Arbeit" gebe es für die Arbeit mit dem Hausmeister vier Euro die Stunde, sagt Sperth. Das ist bei Weitem nicht die einzige Berührung der Schüler mit der Arbeitswelt. In den oberen Klassen, wenn der Start ins Berufsleben bevorsteht, übernehmen die Lehrer persönliche Verantwortung: "Jeder von uns hat einen Kontaktlehrer, der uns bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt", erklärt der 14-jährige Semi Bou-Sandan. Über das einstündige Fach Berufsorientierung hinaus helfen diese Kontaktlehrer beim Schreiben von Bewerbungen oder der Vorbereitung auf ein Vorstellungsgespräch. "Mit diesem Sonderaufwand gelingt es uns immerhin, bis zu 60 Prozent der Schüler in eine Ausbildung zu vermitteln", betont Sperth.

Projekt verlangt Konsequenz
Mit so viel Betreuung und Angebot im Rücken sind die Schüler bereit, das Diktat der völligen Gewaltfreiheit anzunehmen. Es funktioniert nach Sperths Angaben vor allem wegen der Konsequenz, mit der es durchgesetzt wird. Fühlt sich ein Schüler von seinen Mitschülern schlecht behandelt, befassen sich die Lehrer sofort damit - und drängen auf Entschuldigung und Ausgleich. "Für die pädagogische Wirkung ist es unerlässlich, dass sich die Schüler mindestens am selben Tag mit ihrem Fehlverhalten beschäftigen", erklärt Sperth. "Die Schüler erleben dabei, dass die Erwachsenen das, was sie ankündigen, auch wirklich tun."
Bei den Heranwachsenden kommt das durchweg positiv an, sie begrüßen die klare Linie. "In der Grundschule haben die Lehrer oft nichts gemacht, wenn wir uns gehauen haben", sagt der zehn Jahre alte Burak Cankaya. "Hier nehmen sie das sehr ernst." Kommen die zumeist mediatorisch ausgebildeten Lehrer und der hauptamtliche Sozialpädagoge nicht weiter oder ist der Verstoß zu schwer - etwa weil eine Beleidigung rassistisch ist -, befassen sich der Schulleiter oder gleich die Jugendgerichtshilfe mit dem Fall.

Allgemein gültiger Codex
"Dabei ziehen wir die Schüler auch für Dinge, die außerhalb des Schulgeländes passieren, zur Rechenschaft." Schließlich gehe es darum, ihnen einen allgemein gültigen Verhaltenscodex zu vermitteln.
Die Hausordnung der Schule ist kurz. Schulleiter Sperth kramt einen kleinen Zettel hervor, so groß wie eine achtel DIN A4-Seite. Ein einziger Satz ist darauf abgedruckt: "Tue nichts, was einem anderen schadet oder wehtut, weder mit Worten noch mit dem, was du tust." Schon Fünftklässler kennen die Formel auswendig. "Wenn jemand dagegen verstößt, erlebt er eine machtvolle Reaktion", sagt Sperth. Schon bei kleineren Vergehen werden die Eltern in die Schule bestellt. Zusammen mit ihnen und Lehrern muss der Schüler dann einen Plan erarbeiten, wie er es künftig besser machen will. Besonders schwierige Schüler bekommen darüber hinaus während der normalen Unterrichtszeit Verhaltenstraining durch Sonderpädagogen.
"In der Grundschule haben wir oft was nach der Schule mit Fäusten geklärt", sagt der elfjährige Okan Kilekaslan. "Hier geht das nicht, weil das schlimme Folgen hätte."