An dem Abend, als in Berlin die Tore in der Mauer aufgingen, ging bei Jörn Hanitzsch in Halberstadt das Licht aus. Der 19-jährige Cottbuser war am 2. September 1989 zu seinem Grundwehrdienst bei den Grenztruppen der DDR einberufen worden. In der Ausbildungseinheit der Grenzer lautete der Befehl ab 22 Uhr "Nachtruhe!". Jörn Hanitzsch hat den Moment der Wende buchstäblich verschlafen .

Ahnungslos im Hinterland

"Wir erfuhren nichts", erzählt er heute über die für viele DDR-Bürger so verwirrende Zeit. "Erst als ein paar Tage später einige Soldaten aus einem Kurzurlaub wieder in die Kaserne kamen, haben sie erzählt, dass sie schon im Westen waren."

Hanitzsch war aber nicht nur einer der letzten Grenzsoldaten der DDR, sondern wenig später auch einer der ersten Zivildienstleistenden im Osten Deutschlands.

Als der Cottbuser nämlich bei einem Kurzbesuch in der Lausitz erst einige Wochen später erlebte, was sich tatsächlich zwischen Elbe und Oder tat, wie die Menschen die neue Zeit der Offenheit begrüßten, versuchte er schließlich, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Doch sein Antrag wurde unter Androhung von Repressalien abgelehnt. Soldaten der DDR durften nämlich keine "Anträge" stellen.

Weniger ideologisierte Offiziere gaben ihm schließlich den Tipp, statt einen "Antrag" zu stellen lieber eine "Erklärung" abzugeben und den Dienst mit der Waffe auf diese Weise zu verweigern. Es war wohl auch den dramatischen Veränderungen Ende 1989 und Anfang des Jahres 1990 geschuldet, dass dieser juristische Schachzug schließlich gelang. Und so half Jörn Hanitzsch die restliche Zeit seines eigentlichen Grundwehrdienstes als Zivildienstleistender bei der Pflege alter Menschen in einem Cottbuser Altenheim, statt mit der Waffe in der Hand einen immer überflüssiger werdenden Grenzzaun zu bewachen.

Danach war er Leiharbeiter, verkaufte Schweißtechnik und im technischen Außendienst unterwegs. Heute arbeitet der gelernte Installateur als freiberuflicher Lichtkünstler und Metallgestalter in seinem Atelier direkt an der Spremberger Straße im Herzen der Lausitzmetropole.

Es ist diese außergewöhnliche Lebensgeschichte, die für den heute freiberuflichen Lichtkünstler und Metallgestalter Jörn Hanitzsch die Themen "Mauer" und "Grenze" so bedeutsam machten. Er wollte mit seiner Kunst deshalb unbedingt dabei sein, wenn am Jahrestag in Berlin an den Fall der Mauer erinnert wird.

In Zusammenarbeit mit der hessischen Landesvertretung hat der Cottbuser Künstler in dieser Woche an der Ebertstraße in der deutschen Hauptstadt seine Installation "Hands on!" aufgebaut. Bis zum 13. November stehen die sechs Stelen mit den nach oben gerichteten Händen jetzt dort, wo einst ein Stück des Todesstreifens lag, den Jörn Hanitzsch beinahe selbst mit bewacht hätte.

"Die Bewegung der beleuchteten Hände aus dem kalten Stahl heraus steht für mich für die Befreiung aus dem Eisernen Vorhang", sagt der Künstler.

Die Verantwortlichen in der hessischen Landesvertretung sind begeistert von der Idee des Lausitzers. Hanitzsch hatte davor lange um einen geeigneten Standort für seine temporäre Plastik gekämpft. Immer wieder hatte es Hindernisse gegeben. Die Hessen aber unterstützten ihn und teilten seinen großen Enthusiasmus .

Hochrangiger Besuch

Schon jetzt sorgt die Installation für viele neugierige und interessierte Blicke, überragt sie doch mit einer Gesamthöhe von sieben Metern die einstige Mauer noch einmal deutlich.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat angekündigt, dem Cottbuser Künstler am morgigen Sonntag an seinem Metall-Licht-Kunstwerk einen Besuch abzustatten und mit ihm über seine außergewöhnlichen Wendeerfahrungen zu reden.

Seine Begeisterung für die künstlerische Arbeit mit außergewöhnlichen Formen und Licht scheint Jörn Hanitzsch in die Wiege gelegt worden zu sein. Erst später, als er selbst über den Besuch von unterschiedlichen Messen auf seine Fertigkeiten aufmerksam wurde, erinnerte er sich daran, dass sein Vater einst temporäre Messe- und Veranstaltungsaufbauten für Großveranstaltungen wie die "Arbeiterfestspiele" entwickelt und gebaut hatte.

Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, war für den Grenzsoldaten Jörn Hanitzsch in Halberstadt das Licht ausgegangen. Am 9. November 2014 schaltet er auf seine Weise mit seiner Kunst ein Licht am früheren Mauerstreifen an.