Ausgemergelte Körper, ein Mund mit ausgefallenen Zähnen, eine Frau mit blutigen Narben im Gesicht, eine junge Frau, die von einem Freier brutal zum Sex gezwungen wird - mit solchen drastischen Plakatmotiven wird in den USA vor der Droge Crystal Meth gewarnt. Die Kampagne ist hoch umstritten, ob sie Erfolg hat, lässt sich noch nicht bewerten.

Ist das ein gangbarer Weg für Deutschland? Angesichts einer raschen Ausbreitung der Droge, gerade in der Lausitz, ist die Frage hoch aktuell. Denn die Zahl der Konsumenten steigt, auch der Erstkonsumenten. Der Einstieg bei Crystal ist billig. Mit 0,05 Gramm kann man schon starten, wenn man es durch die Nase zieht. Bei einem Gramm-Preis zwischen 80 und 100 Euro ist das kein großes Hindernis. Erst wenn der Körper immer mehr braucht, wird es teuer. Schätzungsweise 160 bis 200 Euro am Tag müsse ein Süchtiger aufbringen, sagt ein Cottbuser Drogenermittler der Polizei im Gespräch mit der RUNDSCHAU. Das erkläre, warum die Beschaffungskriminalität zunehme.

Infos statt Schockbilder

Was also tun, um junge Menschen davon abzuhalten, Crystal zu probieren? Mit dieser Frage hat sich auch die Jahrestagung der Sonderbeauftragten der Bundesregierung kürzlich in Berlin beschäftigt. Eine "universelle Prävention im Sinne von Kampagnen" bringe nichts, so die Einschätzung der Experten. Wichtiger sei es, Multiplikatoren und Lehrer zu schulen und sie mit Informationsmaterial zu versorgen. Kampagnen sollten eher gezielt, beispielsweise in der Party-Szene, eingesetzt werden.

Auch in Cottbus, wo kürzlich eine Fachtagung der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen zum Thema Crystal stattfand, stieß die Schockkampagne aus den USA auf wenig Begeisterung. Zumal, wie einige Teilnehmer anmerkten, die drastischen Nebenwirkungen, die auf den US-Bildern gezeigt werden, nicht in jedem Fall eintreffen müssen. Gravierendere Nebenwirkungen wie Depressionen, Hirnschäden oder Agressivität ließen sich in Bildern schwer darstellen.

Ist also gar keine Aufklärung nötig? Doch ist sie. "Und die Prävention sollte so früh wie möglich beginnen", sagt Torsten Wendt, Sprecher der Polizeidirektion Süd in Cottbus. Gerade die Landkreise in Brandenburg, die noch nicht so stark betroffen sind, sollten den zeitlichen Vorsprung, den sie vor Sachsen und Südbrandenburg haben, nutzen. "Crystal darf keinen den coolen Touch bekommen", sagt Marco Mette, Leiter der Kriminalpolizei in Cottbus. "Wir müssen die Jugendlichen über die verheerenden Wirkungen aufklären, möglichst früh." Jeder Euro, der in die Prävention gesteckt werde, zahle sich aus. Die Alternative seien horrende Behandlungskosten, um die Süchtigen nachher zu therapieren.

50 000 Euro pro Entzug

30 000 bis 50 000 Euro kostet die Behandlung pro Person, rechnet Thomas Klein-Isberner, Leitender Therapeut der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen der Fontane-Klinik Motzen (Dahme-Spreewald), vor. Bei Tausenden Konsumenten in der Lausitz türmen sich da Millionenkosten am Horizont auf.

In Sachsen, wo das Problem Crystal seit Jahren immer größere Kreise zieht, hat die Landesregierung bereits im Mai 2014 mit einem Zehn-Punkte-Plan reagiert. Dazu gehören polizeiliche Maßnahmen ebenso wie Vorbeugung durch Information und Behandlung. Mehr als ein Drittel der Crystal-Klienten kommt als Jugendliche erstmals mit der Droge in Kontakt. Mit durchschnittlich 27 Jahren suchen sie erstmals Hilfe in einer ambulanten Suchthilfeeinrichtung. "Deshalb stärken wir vorhandene Netzwerke und fördern nachhaltige Projekte in den Kommunen", sagte Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) in einer Zwischenbilanz zum Aktionsplan. Gemeint sind Aktionen wie in Dresden.

Die Landeshauptstadt hatte im Sommer für Aufsehen mit der Plakatkampagne "Leben ohne Crystal" gesorgt. Zu sehen waren dabei keine Schockbilder, dafür zerbrechliches Familienidyll. "Crystal ist längst kein Randphänomen mehr, die Droge ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie macht extrem schnell abhängig und kann zu enormen gesundheitlichen Schäden führen", sagt Ministerin Klepsch. Der Kreis der Konsumenten reicht vom jugendlichen Partygänger über die überforderte junge Mutter bis zum gestressten Manager. Alle wollen funktionieren, wollen möglichst lang wach und leistungsfähig sein. Crystal ermöglicht ihnen das - zumindest am Anfang.

Mehr Suchtberater in Sachsen

Die Folgen kennt man in Dresden nur allzu gut. Die Stadt ist die erste Metropole auf der Drogenroute, die von Polen über die Tschechische Republik nach Deutschland führt. Hier ist der Stoff billig und der Handlungsbedarf der Politik groß. 1,3 Millionen Euro gibt Sachsen in diesem und im nächsten Jahr für Präventionsprojekte aus. Die Bildungsagentur bildet Beratungslehrer und Sozialarbeiter in der Crystal-Aufklärung fort. Derzeit gibt es in Sachsen 45 Suchtbehandlungs- und Beratungsstellen und 24 Außenstellen oder Außensprechstunden. Dies sichert in ländlichen Gebieten eine wohnortnahe Betreuung.

500 000 Euro vom Bund

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat für das Jahr 2015 zusätzlich noch eine halbe Million Euro aus dem Bundeshaushalt für die Prävention in Bezug auf Crystal Meth zur Verfügung gestellt. Von dem Geld wurden Studien und Unterrichtsmaterialien finanziert. Eine große Kampagne ist nicht geplant, stattdessen sollen Internetseiten wie drugcom.de oder breaking-meth.de unterstützt werden.

Mit Fachtagungen wie jüngst in Senftenberg oder Cottbus soll der Wissensaustausch zu Crystal auch in Brandenburg erhöht werden. Dabei sind die Suchtberater und Sozialarbeiter dankbar für jedes Hilfsmittel - gerade, wenn es die Zielgruppe gut erreichen kann. So wie ein Video des Finsterwalder Rappers Pseiko. In seinem Song "Wo bist Du jetzt?" hat er schon 2012 die Geschichte zweier Jungen erzählt, deren Freundschaft auf eine harte Probe gestellt wird, weil einer der beiden im Drogensumpf landet. "Ich habe enge Freunde in Finsterwalde, die im Moment an Drogen zerbrechen", hatte Martin Kalz alias Pseiko 2012 der RUNDSCHAU gesagt. "Erfahrungen aus dem eigenen Umfeld" habe er in seinem Lied verarbeitet. Bei der Fachtagung in Cottbus wurde das Video jüngst wieder gezeigt.

Zum Thema:
Wie gefährlich ist Crystal Meth und wie gefährlich ist es für die Lausitz? Diesen Fragen geht die RUNDSCHAU in einer Serie auf den Grund. In loser Folge berichten wir über aktuelle Entwicklungen rund um das Problem Crystal. Im nächsten Teil wollen wir auf Händler und Kuriere schauen: Wer verdient mit der Droge sein Geld?Im Internet hat die RUNDSCHAU ein ausführliches Dossier zu Crystal Meth bereitgestellt. Dort finden Sie auch das Video des Finsterwalder Rappers Pseiko sowie weitere Infos. www.lr-online.de/crystal